Puschkin gab ich für Eisen

(alle Zitate aus der taz)

Das letzte Geleit

„Dutzende Trauernde geben zwei Soldaten, die an der Front gefallen sind, das letzte Geleit. Einige hundert Meter entfernt, in der Nähe des Theaters, hat sich eine weitere Gruppe von Menschen eingefunden. „Russische Literatur ins Altpapier“ heißt ihre Aktion. Sie findet in diesem Jahr bereits zum dritten Mal in Luzk statt. Die Or­ga­ni­sa­to­rin­nen haben in den sozialen Netzwerken dazu aufgerufen, von zu Hause Bücher russischer Au­to­rin­nen mitzubringen, sie ins Altpapier zu geben und mit diesem Geld die ukrainische Armee zu unterstützen. Dutzende Personen haben sich am Theater eingefunden.“

Den Kopf frei bekommen

„Die Altpapiersammlung russischer Bücher hat zwei Ziele: unseren Kopf frei zu bekommen von diesen russischen Narrativen und die Armee zu unterstützen“, sagt Tatjana Scherschen, eine der Organisator*innen. Sie ist die künstlerische Leiterin des Kulturpalasts in Luzk. Die Einrichtung wird die gesammelten Bücher als Altpapier verkaufen, das dann zu Toilettenpapier oder Pappbechern für Kaffee verarbeitet wird.“

Eine deutsche Leserstimme

„Man entfernt die Kultur des ehemaligen Kolonialherren während der einen Vernichtungskrieg gegen das eigene Volk führt. Ist jetzt nicht die große Neuigkeit, dekolonialisierung der Köpfe ist auch wichtig und die Ukraine hat genügend eigene gute Autoren braucht die russischen nicht.“

Vollgepackte Autos für ein Auto an der Frontlinie

„Auch anderswo wird aussortiert. In der Stadtbuchhandlung von Kiew, „Sjaiwo knigi“, kamen ganze 25 Tonnen zusammen.„Mehr als 1.700 Ein­woh­ne­r*in­nen von Kiew haben mitgemacht. Sie trugen die Bücher auf ihren Armen, in Koffern, transportierten sie in voll gepackten Autos, schickten sie mit einem Taxi oder per Post.“, teilt die Buchhandlung mit. „Es wurden 48.000 Bücher gesammelt, für die wir 100.000 Hriwna (umgerechnet 2.620 Euro) erhalten haben. Das Geld wird verwendet, um ein Auto für ein Bataillon an der Frontlinie zu kaufen“, hieß es weiter.“

Der praktische Nutzen

„Die Leute haben viel Kinderliteratur, Comics, Zeitschriften, aber auch Sammelbände von Anton Tschechow und Alexander Puschkin und Lew Tolstoi – fünf Exemplare von „Anna Karenina“ – hierhergebracht. Aber es gibt auch viele Enzyklopädien. „Das ist jetzt der praktische Nutzen von Puschkin und Dostojewski“, sagt ein alter Mann, der Bücher auf einem Wägelchen hinter sich herzieht. „Die russische Geschichte geht in die Geschichte ein“, sagt ein anderer Mann. Ein Ehepaar aus Luzk bringt 70 Kilogramm russische Literatur mit, um sie zu Altpapier zu machen. Ljudmila Romanjuk, die 1976 von Luhansk nach Luzk gezogen ist, hat ihre Bibliothek zu Hause entrümpelt. Das Ergebnis: 160 Kilo fürs Recycling. Die russischen Bücher verschwinden nicht nur in Privatwohnungen aus den Regalen, sondern auch in Bibliotheken. Die Direktorin der wissenschaftlichen Bibliothek in Luzk, Ljudmila Stasiuk, erzählt, dass die meisten russischen Bücher im Mai entfernt und eingelagert worden seien.“

Wütende junge Leute

„In der Jugendbibliothek des Gebietes Wolhynien hätten die Le­se­r*in­nen das selbst initiiert, lange vor der offiziellen Anordnung der Regierung. „Die jungen Leute sind schon im März zu uns gekommen. Sie waren wütend, als sie in den Regalen Alexander Puschkin und sowjetische Kin­der­buch­au­to­r*in­nen gesehen haben“, sagt Alla Efremowa, die Leiterin der Jugendbibliothek. Ungefähr 35 Prozent des Bestandes in ihrer Bibliothek sind Bücher in russischer Sprache. Die Bibliotheken folgen damit der Anordnung des Ministeriums für Kultur und Informationspolitik der Ukraine. Darin heißt es, Propagandaliteratur sei aus ukrainischen Bibliotheken zu entfernen.“

Noch eine deutsche Leserstimme:

„Es ist ein Versuch der Entkolonialisierung. Nicht sämtliche russische Literatur wird etwa verbannt, aber die Dominanz wird auf einen angemessenen Anteil zurückgedrängt, um Platz für ukrainische Kultur und die Kultur anderer Länder zu schaffen. War doch nach dem Ende der DDR ähnlich: Tolstoi schön und gut, aber Gaidar, Ostrowski und Majakowski sind dann doch ins Altpapier gewandert. Vieles war einfach ungerechtfertigterweise komplett überrepräsentiert, nicht jede Kleinstadt in Ostdeutschland benötigte noch eine Puschkinstraße.“

Onegin, der Gewaltverherrlicher

„Der zuständige Minister Oleksandr Tkatschenko hatte im Mai gesagt, dass Literatur in Bibliotheken vernichtet werde, wenn sie Gewalt gegen oder die Vernichtung von Ukrai­ne­r*in­nen befördere, die russische Armee verherrliche. Oder wenn es um Schrift­stel­le­r*in­nen gehe, die unter Sanktionen oder auf schwarzen Listen stehen. Im Sommer hatten die Verantwortlichen in der Ukraine beschlossen, russischsprachige Werke von Schriftsteller*innen, deren Werk eng mit der Ukraine verbunden ist, wie zum Beispiel Nikolai Gogol und Michail Bul­gakow, im Lehrplan der Schulen zu belassen. Au­to­r*in­nen wie beispielsweise Alexander Puschkin, Anton Tschechow, Lew Tolstoi oder Anna Achmatowa werden im Unterricht dagegen nicht mehr vorkommen.“

Bulgakows Bastionen bröckeln

„Die Bastionen von Michail Bulgakow – in der Ukraine einer der berühmtesten russischen Schriftsteller – bröckeln. Der Schriftstellerverband der Ukraine will das Bulgakow-Museum in Kiew schließen, aber dessen berühmtes Werk „Hundeherz“ wird teilweise noch Schullektüre bleiben, und zwar dann, wenn Lehrkräfte und Schü­le­r*in­nen das wollen. Der Zustimmung der Lehrkräfte bedarf es auch, um den Roman von Anatoli Kuznenzow „Babi Jar“ aus dem Jahr 2014 im Unterricht zu behandeln.“

Aus Respekt vor den Opfern des Puschkinismus

„Er jedenfalls unterstütze Bestrebungen in dieser Richtung, hatte kürzlich Alexandr Tkatschenko, Minister für Kultur und Informationspolitik, verlauten lassen. Gleichzeitig regte er an, vielerorts Puschkinstraßen umzubenennen. Derzeit gebe es in der Ukraine 400 Puschkinstraßen, und das sei eindeutig zu viel, so Tkaschenko.“

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