Vom Umschlag zum Anschlag

Die „taz“ brachte in ihrer Berichterstattung über das antisemitische Attentat von Sidney den folgenden Satz unter: „Seit Beginn des Gaza-Kriegs im Oktober 2023 ist eine weltweite Welle von Antisemitismus zu beobachten, darunter Angriffe auf Juden und Synagogen, bei der Israel-Kritik teils in Hass gegen Juden umschlägt.“ Es lohnt sich, diesen Satz näher zu untersuchen:

„Seit Beginn des Gaza-Kriegs“ nehme also der weltweite Antisemitismus zu. Eine kühne These, bleibt doch unerwähnt, dass dem Beginn des Gaza-Kriegs ein Ereignis voranging, das man getrost als mörderischen Ausdruck des weltweiten Antisemitismus bezeichnen muss. Die unterschwellige Behauptung, so etwas wie der Antisemitismus sei nicht ohne Grund (Gaza-Krieg) in der Welt, verschweigt, dass es den Gaza-Krieg ohne die Massaker vom 7. Oktober nicht gegeben hätte.

„zu beobachten, darunter Angriffe auf Juden und Synagogen“: Antisemitismus wird nicht beklagt, er wird, als könne es dazu eine neutrale Position geben, lediglich „beobachtet“. Dass es „darunter“, also unter der Welle des Antisemitismus, auch „Angriffe auf Juden und Synagogen“ gegeben habe, suggeriert, es gebe einen Antisemitismus, der keinen Angriff auf Juden darstellt. Die Formulierung verschweigt außerdem, dass ein Angriff auf eine Synagoge immer auch einer auf Juden ist, mögen sie dabei getötet werden (Pittsburgh 2018) oder durch glückliche Zufälle verschont werden (Halle 2019, der Mörder reagierte sich an anderen Opfern ab).

„bei der Israel-Kritik teils in Hass gegen Juden umschlägt“: Es gibt also eine Welle des Antisemitismus, bei der anscheinend berechtigte Kritik am Staat der Juden in Hass auf Juden umschlage – Hier wird so getan, als werde eine grundsätzlich berechtigte Sache (Israel-Kritik) in einem kaum zu steuernden Prozess („umschlagen“ ) missbraucht, um den Hass gegen Juden zu rechtfertigen. Die Frage, ob nicht vielmehr der Hass sehr bewusst zur Kritik führt, und zwar nicht nur teils, wagt die taz sich nicht zu stellen. Man liefe Gefahr, beim x-ten tödlichen Angriff auf Juden sich fragen zu müssen, welchen Anteil an seiner Entstehung die „Israel-Kritik“ hat.

Postscriptum: Nick Brauns, der den 7.10.2023 mit der Headline „Gaza schlägt zurück“ bejubelte, nimmt (erneut in der jungen Welt) zum Massaker am Bondi Beach eine durchaus kritische Haltung ein, handele es sich doch um „Antisemitismus – also Judenfeindschaft – im ursprünglichen Sinn dieses heute so oft missbrauchten Begriffs“. Den Missbrauch, darf man vermuten, sieht er vor allem dann gegeben, wenn man kritisiert, dass „Jüdinnen und Juden in aller Welt durch die fatale und falsche Gleichsetzung mit dem Staat Israel in Geiselhaft für dessen Kriegsverbrechen“ genommen werden, wenn also als Ausdruck der „Palästina-Solidarität“ Juden mit Kippa ein „Free Palestine“ entgegengebrüllt oder ein Besucher des Holocaust-Denkmals verletzt wird, wenn Hinweise auf jüdische Kunstveranstaltungen beschmiert oder israelische Fußballer ausgepfiffen werden. Dass deren persönliche Haltung zum Gaza-Krieg keine Rolle spielt, sondern sie als Vertreter Israels und damit als Vertreter eines Schurkenstaates gelesen werden, dürfte auch Brauns dämmern, er müsste allerdings zugeben, dass dies eben doch Antisemitismus ist, der bei Mord nicht anfängt, sondern endet.

Und man müsste auch den Schreibtischtäter Brauns zitieren, der noch im September im Kampf „für die internationale Solidarität (…) wie für den Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung Palästinas“ die Worte Malcolm Xs zitierte: „Legitim ist, was notwendig ist“. Dass er dazu auch „Boykotte von dessen (Israels, TS) mit Weißwaschung befassten Kultur- und Sportbotschaftern“ zählte, ist aus seiner Sicht vielleicht kein „Antisemitismus im ursprünglichen Sinn“, aus meiner allerdings schon.

Winters Weg: Von der „Schwuchtel“ zum Anti-Rainbow-Warrior

Laidak, Gerhard Richter, Georg Baselitz, Rembrandt, Modulor, Jack Wolfskin, North Face, Christoph Amend, Wolfgang M. Schmitt, Barbour-Jacke, Fred-Perry-Polo, New Balance, Harrington, Magnus Klaue, Der Erreger – bis Seite 20 (dort endet die Leseprobe des XS-Verlags) sind das schon einige der vielen Namen, die in Jens Winters Debütroman „Im langen Sommer geboren“ gedroppt werden, einem Text, in dem „eine Topographie der deutschen Linken im Stadium fortgeschrittenen Zerfalls“, so der Waschzettel, „mit scheinbarer Naivität“ erzählt wird, wobei ich nicht weiß, ob diese Naivität scheinbar oder nicht doch ein Ausdruck von Unvermögen ist. Man liest Sätze (Der Typ, also der Barkeeper, ist so ein mitdreißiger (sic!TS) schlechtrasierter Linker), die von nichts anderem erzählen als von einem Blick auf die Welt, der für alles eine normierende Erklärung parat hält: Der Erzähler kauft ein sehr anständiges Notizbuch, jemand sieht aus wie ein furchtbar anstrengender Kunstmensch und der Platz vor dem „Laidak“ ist übrigens ein ganz schlimmer Platz. 20 Seiten genügten, um mir jegliches Interesse an dem Roman und seiner lustlosen Sprache auszutreiben.

Ob es einen weiteren Roman von Winter geben wird, weiß ich nicht, der Autor hat aber seinen eigenen Weg aus der von fortgeschrittenem Zerfall befallenen Linken gefunden und schreibt nun nicht mehr, wie zuvor, für die jungle World oder die taz, sondern ist bei „nius“ gelandet und berichtet dort über eine niedersächsische Landtagsabgeordnete (AfD), die in der Regenbogenfahne „Machenschaften pädophiler Lobbygruppen“ symbolisiert und Kinder „durch LGBTQ-Propaganda“ gefährdet sieht. Das hat ihr eine Anzeige wegen Volksverhetzung eingebracht – wobei man fragen kann, ob bei jemandem, der von einem „Regenbogenregime“ faselt, nicht eher eine ärztliche Behandlung angebracht wäre. Jens Winter aber nimmt das Urteil vorweg und sieht „wohl (…) zulässige Meinungsäußerung“ vorliegen und konstatiert, die AfDlerin habe zurecht darauf hingewiesen, „dass die Queer-Ideologie durch ihr Heranpirschen an Kinder (…) ein Einfallstor und eine Spielwiese für Pädophile bietet.“ Da Winter keine Indianerromane schreibt, sind es nur Ideologien, die sich heranpirschen, sein Romanheld aber, um auf den zurückzukommen, beklagt im ersten Absatz des Romans, er sei von einer Grupppe Jungen auf der neuköllner Sonnenallee dahingehend beleidigt worden, er sehe aus wie eine Schwuchtel. Queerfeindlichkeit, wenn sie aus einem mutmaßlich migrantischen Milieu herrührt, wird verdientermaßen kritisiert, während die Verschwörungserzählung einer rechtsextremen Politikerin als „zulässige Meinungsäußerung“ verbucht wird.

Wer als Romancier alles gesagt hat, dem wird auf der Rechten ein Plätzchen freigehalten, um seinen Ressentiments Ausdruck zu verleihen. Gestern Klonovsky (nach „Land der Wunder“ kam nichts mehr), heute Winter, von Goebbels („Michael“ ) und Mussolini („Die Mätresse des Kardinals“ ) ganz zu schweigen. Scheitert der Geltungsdrang auf literarischem Gebiet, wird der gegen die Sprache verlorene Kampf anderswo fortgesetzt, sei es gegen die „Queer-Ideologie“ (Winter), sei es gegen „Globalisten“ (Klonovsky), von Mussolini und Goebbels ganz zu schweigen.

Die Wahrheit ist konkret, wird aber nicht mehr gedruckt

Am letzten Wochenende erreichte die Abonnent*innen der traditionsreichen linken Zeitschrift „konkret“ die Nachricht, dass die gedruckte Ausgabe eingestellt wird und die Texte nur noch als e-Paper erhältlich sind. Damit verschwindet ein weiterer linker Titel aus den Kiosken, in denen rechte Blätter wie „Tichys Einblick“, „Cato“ oder „Cicero“ die Politikabteilung dominieren. Auch wenn man hoffen darf, dass es sich nur um eine Phase der Hibernation handelt und es für Rückblicke noch zu früh ist, lohnt doch ein Blick zurück auf einige Episoden in der Geschichte der Zeitschrift, die nach dem Tod von Hermann L. Gremliza von seiner Tochter Friederike herausgegeben wird.

Israel. Der „jungen Welt“ war die Nachricht eine knappe Notiz wert, in der unter anderem zu lesen war: „Ein Problem sei auch, dass sich mit jeder politischen Krise Teile der Leserschaft verabschiedeten. Dass letzteres immer auch damit zusammenhängt, wie über politische Krisen berichtet wird, ist vielleicht auch Teil der Ursachensuche.“ Das ist eine kaum misszuverstehende Anspielung darauf, dass Gremliza bei der Bewertung dessen, was in Deutschland als „Nahostkonflikt“ bezeichnet wird, die Interessen des Staates, der ohne das deutsche Menschheitsverbrechen nicht entstanden wäre, zum Maßstab seiner Kommentare nahm. Er hatte erkannt, dass die deutsche „Israelkritik“ auf dem Wunsch beruht, den Opfern des deutschen Völkermordes einen solchen endlich nachweisen zu können. So jubelte auch der Schöpfer der junge-Welt-Schlagzeile „Gaza schlägt zurück“ (7.10.23) über die Zustimmung der Deutschen zu Merz‘ Entschluss, Israel keine Waffen mehr liefern zu wollen, ohne misstrauisch zu werden, dass da ein „Volk“ seinen Willen äußert, das bereits zu einem Drittel zu den Faschisten übergelaufen ist.

Elsässer, Wertmüller, Quadfasel. A propos Faschisten: Zu den schwerwiegendsten Fehlentscheidungen Gremlizas gehört sicherlich das Engagement Jürgen Elsässers, auch wenn man in den 1990ern kaum ahnen konnte, welche Rolle dieser Mensch einmal in der neuen Rechten einnehmen würde. Wie weit von dieser Rechten Justus Wertmüller noch entfernt ist, wage ich nicht zu beurteilen, dass denen aber gefallen dürfte, wie hingebungsvoll er Antisemitismus immer nur als islamischen benennt, halte ich für ausgemacht. Auch hier war das Schisma irgendwann unvermeidlich, während der Exodus von Lars Quadfasel und einigen anderen Autor*innen darauf zurückzuführen ist, dass das Märzheft 2022, gerade als Putins Armee in die Ukraine eingefallen war, auf dem Titelbild mit der Anprangerung einer „Nato-Aggression“ gegen Russland herauskam. Der Kommentar „Allen Spekulationen zum Trotz: So war das mit dem Kreml nicht abgesprochen.“ konnte wenig retten, auch wenn ich herzlich lachen musste.

Putin. Gerne wird Gremlizas Kolumne vom Juni 2015 mit dem Titel „I love Putin“ zitiert, um daraus eine Rechtfertigung für dessen Krieg in der Ukraine abzuleiten. Gremliza sah Putin als Garanten einer Weltordnung, welche sich den westlichen, vor allem den deutschen Expansionsgelüsten entgegenstellt: „Der Führer ist jetzt Führerin, den Keitel macht der Steinmeier.“ Mittlerweile hat sich gezeigt, dass Putin den deutschen Hegemonialplänen den (billigen) Treibstoff lieferte und bei seinen Brics-Blockbildungen auch auf den Iran, den erklärten Feind Israels, setzt. „Putins peinliche Kontakte zu einigen sehr rechten westlichen Parteien“ haben mittlerweile den Grad der Peinlichkeit längst überstiegen und sind nur noch ekelhaft. Der angebliche Kämpfer gegen den ukrainischen Nazismus treibt die Faschisierung Europas voran.

(to be continued)

Durchs wilde Stadtbild. Ein Rechter auf Abenteuerfahrt

Selbstverständlich hat Friedrich Merz, als er sich vom „Stadtbild“ daran gemahnt fühlte, dass noch viel zu wenige der dort zu sehenden Menschen abgeschoben werden, rassistischen bullshit verzapft: Aus dem bloßen Aussehen zu folgern, irgendjemand sei „illegal“ hier, ist dem voraufklärerischen Menschenbild der Rechtsextremist*innen so sehr verpflichtet, dass die sich freuen dürften, wie sehr die Fälschung dem Original mittlerweile ähnelt. Sein Fraktionschef Spahn legte nach, indem er Duisburg (NRW) als negatives Beispiel nannte, das man ja nur besuchen müsse, um zu verstehen, was Merz meine.

Ich selbst bereiste Duisburg einige Male und stellte dabei fest, dass die Stadt kulturell einiges zu bieten hat und an einigen Stellen so aussieht, wie Städte eben aussehen, in denen Einwanderer eine neue Heimat gefunden haben und sich eine Existenz aufbauen, was für Merz&Spahn anscheinend einen Skandal darstellt. Vielleicht haben sich die beiden von einer Artikelserie im Schmiermedium „Nius“ inspirieren lassen, die vor den Kommunalwahlen in NRW erschienen ist und deren Autor sich als eine Art Abenteuerreisender in Ruhrgebietsstädte (Duisburg, Gelsenkirchen, Hagen) begeben hat, um alles zu schildern, was sein Staunen resp. sein Missvergnügen erregt hat: „Wer in Hagen anreist, der könnte (…) auf den Beinamen ,Tor zum Orient‘ kommen. Die muslimische Community hat sich ausgebreitet und prägt Geschäfte, Spielplätze und die Fußgängerzone. (…) Spielotheken reihen sich an Obstgeschäfte, Wettbüros und Dönerläden. In Hagen gibt es alles, was es für das Leben in der Parallelgesellschaft braucht.“ Ist also jeder, der Obst und Döner erwirbt, Teil einer „Parallelgesellschaft“? Weiß das der Söder, der bekanntlich gerne Döner isst? Bei einem Auswärtsspiel seines 1. FC Nürnberg in Schalke sollte er keine Probleme haben, sich zu versorgen: „Wer in Gelsenkirchen wohnt, musste sich an Dönerläden, Juweliere, Casinos und arabische Lebensmittelgeschäfte gewöhnen. (…) Heute können die Gelsenkirchener ihre Innenstadt zwischen muslimischen Geschäften und Verfall kaum noch wiedererkennen.“ Nur geringfügig anders sieht die Lage in Duisburg aus: „Osteuropäische Geschäfte haben sich ausgebreitet.“ Das Verb „ausbreiten“, das an Krankheiten, ja Epidemien denken lässt, wird gerne verwendet: Der Autor berichtet aus Hagen von „Roma-Clans, die sich ähnlich wie in anderen Ruhrgebietsstädten ausbreiten“. Überhaupt treten Roma stets nur kollektiv als „Clans“ auf, und da weiß man ja, dass die Kriminalität („Clan-Kriminalität“ ) nicht weit entfernt sein kann, sei es in Duisburg („Mit der Pottidylle ist es vorbei, stattdessen terrorisieren osteuropäische Roma-Clans die Stadt.“ ), sei es in Gelsenkirchen („Für zusätzliche Probleme sorgen (…) Roma Clans. (….) Wie in anderen Ruhrgebietsstädten auch vermüllen sie ganze Wohnviertel.“ ). Ach ja, der Müll: „Die Bürgersteige sind bereits gepflastert von Sonnenblumenkernen-Schalen (….). Es riecht modrig, manchmal aber auch nach Grill“, also wahrscheinlich nicht anders als in einer Alman-Reihenhaussiedlung, sobald die Außentemperaturen die 5°-Marke überschritten haben.

Dem Abenteuerreisenden geht es darum, alles, was er sieht, als fremd, ja undeutsch zu markieren: „Deutsche Kinder sieht man auf den Spielplätzen nicht mehr.“ „Deutsche sieht man in manchen Teilen der Stadt kaum noch“, „für verbliebene Deutsche ist das Leben in Duisburg unerträglich geworden.“ Die Verknüpfung des Aussehens mit der Staatsbürgerschaft ist das eigentlich Skandalöse, ja Barbarische dieser Texte, die dem in seinem ruralen Shithole hockenden AfD-Wähler Angst einjagen und seinen Hass auf alles, was ihm fremd vorkommt, bestätigen sollen: „Wer das Tor zum Orient überschreitet, den erwartet (…) eine Vorahnung, wie es dem Rest des Landes bald ergehen könnte.“ Man kann nur hoffen, dass diese düstere Prognose ohne Folgen bleiben wird: Der rechte Attentäter von Hanau wählte eine Shisha-Bar als Angriffsobjekt, und als der Attentäter von Halle an der Tür der Synagoge gescheitert war, zog er weiter zu einem Dönerimbiss, um Muslime zu töten. Beide sahen den Kampf gegen „Überfremdung“ als ihren Auftrag.

Die Brandmauer einreißen, rote Linien ziehen, aufs Grab von Walter Lübcke spucken

Der „Spiegel“ vermeldete gestern, „Teile der Union“ wollten auf einen „harten Kurswechsel“ der Partei im Umgang mit der AfD drängen. Einer der Vordenker dieses Kurswechsels, Andreas Rödder, der einer großsprecherisch als „Denkfabrik“ sich bezeichnenden Lobbyklitsche namens „Republik 21“ vorsitzt, behauptet, die AfD sei „stärker geworden“, „je höher man die Brandmauer gezogen“ habe. Hier kann man sich fragen, ob Professor Rödder nicht Korrelation und Kausalität verwechselt, wie ihm überhaupt ein Hang zum Wunschdenken bescheinigt werden muss: Die AfD solle „rote Linien“ halten und sich „klar von rechtsextremen Positionen und Figuren abgrenzen“ und folglich Höcke und Berndt und Siegmund etc.pp. aus der Partei werfen, bevor sie Ministerpräsidenten in den östlichen Bundesländern werden. Das werden die machen, gewiss.

Auch Karl Theodor zu Guttenberg kommt aus der Versenkung zurück und fordert „eine stärkere inhaltliche Auseinandersetzung“ mit der AfD. Genau die aber findet längst in der Form statt, dass sich Merz und Klingbeil bemühen, Forderungen der Rechtsextremen („Grenzschließung“, Kampf gegen „Sozialmissbrauch“ und das „Verbrenner-Aus“ etc.) ohne eine Beteiligung der Rechtsextremen zu erfüllen. Eine wirkliche „inhaltliche Auseinandersetzung“ mit der Partei müsste zu dem Eingeständnis führen, dass die Krisen im Kapitalismus nicht von der Migration oder der Armut herrühren. Ich bezweifle, dass Merz und Klingbeil zu dieser gedanklichen Leistung fähig sind.

Am – na ja – interessantesten ist der Kurswechsel von Peter Tauber, der unter Merkel Generalsekretär der CDU war. Er konstatiert mit religiöser Diktion, ihre „Stigmatisierung“ helfe der AfD, nötig sei aber, über eine „neue Politik der roten Linien“ (haben die sich abgesprochen? klar haben die sich abgesprochen) nachzudenken und eine „Blockbildung wie zu Zeiten der DDR“ zu vermeiden. Und weil der Begriff im Bullshitbingo noch fehlte, solle doch bitte nicht gleich „die Nazikeule geschwungen“ werden, wenn ein parlamentarischer Beschluss mit den Stimmen der AfD zustande komme. Noch 2019 hatte Tauber in einem Interview mit dem „Spiegel“ seine ehemalige Parteikollegin Erika Steinbach dafür kritisiert, dass sie „wiederholt einen Satz Walter Lübckes aufgegriffen“ habe und die darauf folgenden „Hasskommentare, Gewaltfantasien und Drohungen (…) auf ihren Social-Media-Kanälen (…) verbreitet wurden.“ Einen Zusammenhang mit der Ermordung Lübckes hielt Tauber demnach für evident und als er selbst von Rechtsextremen bedroht wurde, erklärte er, er versuche zwar „immer Brücken zu bauen, aber bei Rechtsextremen“ sei „das einfach nicht möglich.“

Oder doch? 6 Jahre später ist Erika Steinbach, die damals nur einer parteinahen Stiftung vorstand, der AfD, die sich von keinem ihrer rechtsextremen Kameraden getrennt hat, beigetreten. Tauber ist mittlerweile Professor an der Bundswehrhochschule und Lobbyist der Finanzwirtschaft. Im Bundestag sitzt er nicht mehr, ich nehme aber an, dass er wieder ein Mandat anstreben dürfte – warum sonst sollte er sich in einer programmatischen Frage zu Wort melden? Ob er Steinbach, wenn er ihr in den Gängen des Parlaments begegnen wird, die Hand geben kann, wage ich nicht zu beantworten. Ob er, sollte er es doch tun und sich anschließend die Hände waschen, im Spiegel den Anblick seines Gesichts erträgt, möchte ich bezweifeln.

Manulf Poschtermann oder: Kettensäge und Knüppel

Natürlich gibt es niemanden mit dem Namen Manulf Poschtermann, es gibt allerdings Ulf Poschardt, den Chef der „Welt“-Gruppe, und Manuel Ostermann, den stellvertretenden Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft. Beide haben sich 2025 schriftstellerisch betätigt.

Ulf Poschardt hat eine Art Essay namens „Shitbürgertum“ veröffentlicht, in dem er zum einen die bereits im Titel abgewertete Fraktion des Bürgertums, die man vielleicht als linksliberales Milieu bezeichnen kann, zu staatsverliebten Feiglingen mit Vollkaskomentalität („Antiheroismus“), zum anderen aber einen südamerikanischen Politiker zum Freiheitshelden stilisiert. In jeder Zeile über Milei (ja, um den geht es) wird die Faszination für den „starken Mann“ erkennbar, sein „Anarchokapitalismus“ (ein Pleonasmus) sei „laut, heftig, brachial“, er schwärmt davon, dass „etatistische Zöpfe in einem von autoritären Staatsideologien zerstörten Land (…) mit der Kettensäge abgetrennt“ und „die Möglichkeiten des Staates radikalst beschnitten“ werden. Milei zähle zu den „neuen Figuren des Westens“ (nebst Trump und Meloni, also zwei Politiker*innen mit offenen Sympathien für den Faschismus), welche diesen „wieder wild“ machten, also „den Wilden Westen reinstallieren“, nachdem „Bürokraten und Beamte das Freiheitsgefühl erstickt“ hätten. Die Sprache Poschardts verrät die Gewalt, die mit dem von ihm favorisierten Anarchokapitalismus einhergeht. Das schwärmerische Kapitel über den „Mann mit der Kettensäge“ endet mit der Feststellung, Milei „entneurotisiere die Aggression“, welche sich im Kapitalismus aber nie gegen diejenigen richtet, die etwas besitzen, sondern gegen die Habenichtse, die außer ihrer Arbeitskraft wenig bis gar nichts zu verkaufen haben. Man gebe sich nicht der Illusion hin, dass die Kapitaleigner sich den Sozialstaat von bösen Bürokraten haben aufschwatzen lassen und nun darauf brennen, ihn zu zerstören. Sie wissen sehr gut, dass es, gäbe es ihn nicht, zu mehr als hässlichen Szenen käme, ja dass der „Wilde Westen“ dem historischen Vorbild auf eine sehr unangenehme Art und Weise ähneln würde. Und hier kommt der Mann ins Spiel, dem Poschardt ein Vorwort geschrieben hat für ein „Sachbuch“ („Deutschland ist nicht mehr sicher“), das drastisch darlegt, warum der Vorwortschreiber als staatliche Institutionen einzig „Armee und Polizei“ gelten lassen will: Manuel Ostermann.

In seinem Vorwort stellt Poschardt sich eine Frage („Ulf, warum magst du Polizisten so gerne?“) und antwortet sich so: „Ohne Sicherheit gibt es keine Freiheit.“ Er meint, dass „Menschen (…) sich sicher fühlen“ müssen, „um mutig zu sein.“ Damit ist gewiss nicht der Mut gemeint, gegen die Räumung eines besetzten Hauses zu protestieren, Mut ist für einen radikalen Liberalen wie Poschardt immer nur unternehmerischer Mut, und folgerichtig soll die Polizei „die individuelle Freiheit, die Sicherheit von Eigentum“ schützen. Dabei spielt Poschardt die Sprache, die er nicht beherrscht, einen Streich, wenn er schreibt, eine unabhängige Polizei schütze „gerade die Freiheit weniger privilegierter Personen“. Man darf rätseln, ob die Freiheit derjenigen gemeint ist, die weniger privilegiert sind als andere oder doch, auch wenn Poschardt dies nicht gemeint hat, die Freiheit weniger, die privilegiert sind.

Wer diese Freiheit („Freiheit ist ohne Sicherheit nicht denkbar“, Poschardt neigt zu Redundanzen, es soll sich ja auch einprägen) durch kriminelle Anlagen bedroht, wird deutlich, wenn er von „Brennpunktvierteln, in denen abgehängte und vernachlässigte Bevölkerungsteile auf wachsende Migrantengruppen treffen,“ schreibt und letzteren attestiert, sie brächten „mitunter wenig Verständnis für unsere Gesellschaft“ mit. Ob jemand ein größeres Verständnis mitbringt, der sich zu fragen weigert, wer das eigentlich sein könnte, der „Bevölkerungsteile“ abhängt und vernachlässigt, wage ich zu bezweifeln, wie ich auch bezweifle, dass Poschardt das Buch, zu dem er ein Vorwort verfasst hat, überhaupt gelesen hat, da er schreibt, er sei stolz auf „die aufgeklärte und moderne Polizei in Deutschland“. Den Polizisten Ostermann kann er damit nicht meinen, der sich als knallharter Reaktionär erweist und vor allem vor „zur Gewalt bereiten Linksaußenkämpfern“, „radikalen Linken“ und „sogenannten Autonomen“ warnt. Dass sich zudem noch „gutgläubige Menschen“ von „Extremisten instrumentalisieren“ lassen und das auch noch in einem, für Ostermann wohl überflüssigen „Kampf gegen Rechts“, kann dieser Polizist nicht verstehen. Denn es gibt doch allemal Wichtigeres zu bekämpfen als Rechte, „anarchistische Zustände“ zum Beispiel im Görlitzer Park, „No-Go-Areas für die Bevölkerung“, „ganze Gegenden, die nicht mehr zu kontrollieren sind“, „Gegenden im Ruhrgebiet (…), wo arabische Großfamilien und syrische Clans die Führung und die Macht übernommen haben, (…) wo Sozialhilfe und Kindergeld hundert- , tausendfach erschlichen wird (gemeint ist „werden“, TS) und wohin sich eben kein Deutscher mehr traut.“ Kriminalität ist für Ostermann vor allem eine Frage der (schlechten) Herkunft, während die gute, also: seine Herkunft die Achtung vor der Polizei verinnerlicht hat, und das von Kindheit an: „Wir hatten es zwar nicht selten faustdick hinter den Ohren und bauten in diesen Jahren so manchen Mist, aber nie hätten wir es als Jugendliche gewagt, die Anweisungen des Dorfsheriffs zu missachten.“ Dass die Anweisungen des Dorfsheriffs gegen Jugendliche, die nicht aus dem Dorf, aus der „Messdienerschaft“, dem „Jugendtreff, Zeltlager“ oder von den „Pfadfindern“ stammten, evtl. härter ausgefallen wären, wäre ein Gedanke, der einen wie Ostermann evtl. überforderte.

Aber lesen wir weiter in den Ansichten dieses Vertreters einer „aufgeklärten, modernen Polizei“: „Uns Deutschen“ sei zwar „jahrzehntelang ein Schuldkomplex (sic!) eingeimpft“ worden, deswegen könne man aber trotzdem „nicht die ganze Welt retten“. Hört sich das nicht an wie das, was Otto Normalrassist minütlich in die Welt bläst? Bitte keine Vorverurteilung: „Ein falsches Wort und man ist sofort eine Rassist, ein Antifeminist oder ein Sexist (…). Das linke Dogma gilt.“ Nicht für Ostermann, dessen Prosa sich liest wie das ressentimentgeladene Onlinegestammel vom Nazihotspot nebenan: „Männer in Latex gekleidet … biologische Männer in Frauensaunen … christliche Feste umbenannt … für viel Geld eine Ramadan-Beleuchtung“ – all diese immer gerne kolportierten und oft nachweislich falschen Behauptungen wärmt Ostermann auf. Grotesk und unfreiwillig komisch liest sich seine Behauptung, racial profiling sei etwas, das es „bei der Polizei nicht“ gebe, wenn er zugleich beschreibt, dass Bundespolizisten „natürlich im öffentlichen Verkehr in erster Linie verdächtige Menschen, die dem Erscheinungsbild nach zum Beispiel arabisch oder osteuropäisch aussehen“ kontrollieren – also racial Profiling betreiben: Wie anders soll man eine solche Vorgehensweise bezeichnen? Aber Ostermann sieht sich auch dabei als Opfer: Er, der „blond und blauäugig“ sei, werde von Jan Böhmermann herabwürdigt, „weil ich deutsch aussehe“. Soll man erleichtert sein, dass er nicht „arisch“ schreibt?

Ostermann lässt keinen rassistischen Unfug aus: „Die Menschen sind nicht fremdenfeindlich oder rassistisch. Sie sind nur überfordert, fühlen sich überrannt und aus ihrem eigenen Land mit ihrer Kultur verdrängt. (…) Sie wollen keine Wirtschaftsschmarotzer, die nur vorbeikommen, um unser Sozialsystem auszunutzen (…), wollen nur endlich wieder in Frieden leben und sich auf öffentlichen Plätzen unbehelligt aufhalten können (…), sie sehnen sich nach ihrer alten Heimat, nach den Zeiten, als sie (….) sicher ihrer Wege gehen konnten (….), sie wollen keine Scharen von jungen arabischen Männern, die (…) mit ihrem Macho-Gehabe den öffentlichen Raum demonstrativ einnehmen.“ Nur logisch, dass für Ostermann „die seit 2015 andauernde Migrationswelle“ „das mit Abstand größte Sicherheitsproblem“ darstellt, er schwärmt von Zurückweisungen an den Grenzen, prangert das zu hohe „Niveau der Versorgung, der Unterbringung (…) für Migranten“ an, fordert „bundeseigene Abschiebehaftplätze und Gewahrsamszentren“, „besonders gesicherte Ankerzentren Plus“ und keinen „staatlichen Rechtsschutz mehr“, wenn die Abschiebung angekündigt wird, und wer jetzt noch immer nicht weiß, wo dieser „Gewerkschafter“ politisch steht, lese das, was als sein politisches Programm durchgehen könnte: „Nicht mit einer weichspülenden Wokeness, sondern mit starker Hand (…), nicht mit Ausgrenzung und irgendwelchen Brandmauern (…), sondern mit Abbildung des Wählerwillens (…) mit klarer Kante.“ Ostermann ist der law-and-order-Mann einer sich abzeichnenden schwarz-blauen Regierung, Poschardt ist ihr ideologischer Vordenker, den Ostermann dankbar paraphrasiert: „Ohne Sicherheit keine Freiheit und ohne Freiheit keine Demokratie.“ Dass für diejenigen, die als Migranten für alle gesellschaftlichen Übel verantwortlich gemacht werden, weder Sicherheit noch Freiheit garantiert werden, ist Teil ihres politischen Programms. Die Kettensäge ist ohne Knüppel, ohne staatliche Gewalt nicht zu haben. Ideologisch wird der Anarchokapitalismus von einem Rassismus begleitet, der die Affekte auf diejenigen lenken soll, die sich nicht wehren können und zum Objekt der willkürlichen Demütigung werden: „Brot Bett Seife“, mehr sollen Geflüchtete nicht erhalten. Damit befriedigt Ostermann die Ressentiments seiner Anhänger, die der Gedanke quält, es könnte irgendjemandem, dem man das Attribut „illegal“ angehängt hat, nur eine Minute lang nicht schlecht gehen.

In der örtlichen Bibliothek wird „Deutschland ist nicht mehr sicher“ mit dem Sticker „Bestseller“ angeboten, Poschardt schaffte es mit seinem Shitbürgerbuch auf die Spiegel-Bestsellerliste. Beide Bücher entstammen dem Milieu, in dem vermeintlich Konservativ-Liberale offen den Anschluss ans faschistische Milieu suchen: Poschardt, indem er nicht nur von Milei, sondern auch vom AfD-Fan Musk und von Trump und Meloni schwärmt, Ostermann, indem er lieber heute als morgen „irgendwelche Brandmauern“ einreißen möchte. Manulf Poschtermann, der Propagandist von Kettensäge und Knüppel, wäre das Gesicht einer kommenden schwarz-blauen Koalition.

Catwalk Schnellroda

Unser erstes, durchaus prominentes Modell trägt zum scharfen Scheitel ein marineblaues Fred-Perry-T-Shirt mit abgesetzten Doppelstreifen an Ärmel und Kragen. Die großflächige Pilotensonnenbrille prägt das Gesicht, hinter dessen Stirn das Konzept der „Remigration“ genannten Deportationen ausgeheckt wurde. Ein stimmiges Outfit für kommende Geheimtreffen in Potsdam oder anderswo. Geht es hier noch eher salopp zu, hat unser nächstes Modell ein tiefdunkelblaues Sakko gewählt, dazu eine weiße Hose und ein dezent gestreiftes hellblaues Hemd mit offenem Kragen. Der graue Vollbart und die spitz zulaufenden grauen Haare geben der ganzen Erscheinung etwas dezent Seriöses. Wir können ihn uns als Kapitän eines „Defend-Europe“-Schiffes vorstellen, der kernig kulturfremden Invasoren den Zutritt in die von ihm geliebte Heimat verwehrt. Ahoi. Doch auch für‘s Handwerklich-Handfeste ist Platz auf unserem Laufsteg: Der Hausherr selbst schreitet im khakifarbenen T-Shirt und in schwarzer Jeans vor den Toren seines Rittergutes, im Mundwinkel klebt lässig der Zigarillo. Trotz des Bauchansatzes erkennt man: der Mann war mal Soldat. Und züchtet jetzt Ziegen, denn die machen allenfalls „Mäh mäh“, nicht „Krah Krah“.

Kommen wir nun zur Damenmode: Da ist in diesem Jahr die ärmellose weiße Bluse en vogue, dazu ein hellblau-gestreifter weiter Rock. Der dreht sich bestimmt malerisch, wenn man zu den alten Liedern tanzt. Die Frisur ist streng und endet in zwei geflochtenen Zöpfen; neckischer wirkt da doch die Umhängetasche, deren Riemen diagonal zwischen den nicht zu übersehenden Brüsten verläuft. Bereit für Nächte zum Heldenzeugen? Wir dürfen gespannt sein – denn da kommt er auch schon angestiefelt resp. angeturnschuht, der Heldenzeugerheld, mit graublauen New-Balance-Sneakers, schwarzen Söckchen und blauen Shorts. Der Scheitel sitzt straff, der Blick ist entschlossen, die Botschaft klar: „Reconquista“ steht auf dem T-Shirt, ein Retrohemd von 1492, als man in Spanien die Juden und Muslime vertrieb oder tötete. Wer‘s trotzdem überlebte, musste Christ werden. Hier bekennt sich jemand qua Style zu seinen Werten.

Aber auch an Mode für die silver generation ist gedacht: Bei diesem Modell symbolisiert die weiße Bluse zeitlosen Chic (pardon: Schick, wir wollen hier nicht ungefragt welschen), der Rock ist dezent dunkel geblümt, die nackten Füßen stecken in Sandalen. Hier schwingt die Aura der strengen Französischlehrerin mit – oder der evangelikalen Pastorin, die „Kirchenasyl? – nur über meine Leiche“ von der Kanzel predigt. Nicht so gut stehen die Sandalen unserem nächsten Modell – türkisfarbene Socken?! Hallo? Kann man sich auf solche Krieger im nach dem AfD-Verbot drohenden „Bürgerkrieg“ (Rödder) verlassen? Wohl kaum, daran ändert auch die Dockermütze wenig. Umso schnieker kommt unser für heute letztes Modell daher, auch er ein best ager, dem die Flip-Flops ein juveniles Erscheinungsbild verleihen, ebenso wie die dezent gestreifte weiße Stoffhose, die mit dem anthrazitfarbenen Jeanshemd perfekt harmoniert. Seattlebart und Sonnenbrille runden das Bild ebenso ab wie die Schiebermütze in Pfeffer-und-Salz-Optik. Und wer da sneaky feelings wegen peaky blinders bekommt, der sei getröstet: Das waren noch keine Messermänner oder anderes kulturfremdes Volk, das waren gute alte Gangster von daheim.

Satanische Medien des Grauens. Ein Lehrstück

Am Freitag ist sie das Opfer einer Kampagne geworden, einer Kampagne katholischer Klerikalfaschos („Lebensschützer“), an deren Spitze sich Julian Reichelt, dessen eigenwillige Interpretation des Rechts junger Frauen auf sexuelle Selbstbestimmung zu seinem Rauswurf bei Bild geführt haben soll, setzte: Frauke Brosius-Gelsdorf, eine Juristin, die sich mit differenzierten, aber nie verfassungsfeindlichen Äußerungen zu juristischen Fragestellungen einen Namen gemacht hat. Da sie allerdings eine Reform des Abtreibungsrechts befürwortet, ist sie ins Visier religiöser Extremisten geraten, die Frauen immer noch verbieten wollen, über ihren Körper zu verfügen. Neben der unvermeidlichen Beatrix von Storch, die das ungeborene Leben schützen, auf das geborene aber, wenn es in Gestalt von Geflüchteten an der Grenze auftaucht, schießen lassen will, tat sich auch der kölner Kardinal Woelki hervor, den „welt.de“ zitierte: Er forderte „ein unmissverständliches Bekenntnis zur unverlierbaren und unter allen Umständen zu schützenden Würde jedes Menschen“ – ein starkes Statement Woelkis, der sich ansonsten dadurch hervortut, dass er die Würde katholischer Priester, die sich Missbrauchsvorwürfen ausgesetzt sehen, sehr hoch einschätzt, höher sogar als die ihrer Opfer. So richtig drive kam aber erst in die Sache, als der schmuddelige Reichelt auf den Plan trat und von einer „Richterin des Grauens“ schrieb, die einen „linken, lebensfeindlichen Todeskult“ betreibe. Ein Link führte zu einer Lebensschützerseite, die dazu aufforderte, den örtlichen CDU-Bundestagskandidaten anzuschreiben. Stolz berichtete die Seite dann von über 38.000 Mails, die geschickt worden seien. Nius legte nach und berichtete von Kritik an Merz aus dessen sauerländer Homebase: Nicht nur gebe es kritische Stimmen aus den Weltstädten Schmallenberg und Bödefeld, auch ein Mönch einer Abtei in Meschede halte die Entscheidung, die Wahl von Brosius-Gersdorf zu unterstützen, für falsch. Jürgen Elsässers immer noch nicht verbotenes Magazin„compact“ stieg ein und brandmarkte das Vorhaben von Merz mit einem Epitheton, das in diesen Kreisen normalerweise dem finsteren jüdischen Strippenzieher Soros vorbehalten bleibt: „Satanisch“. Auch die AfD, deren Verbot Brosius-Gersdorf durchaus für möglich und machbar hält, schrieb von einer „linken Ideologin“ und einem „eklatanten Skandal“, und der Komiker Achim Winter, der es bei den öffentlich-rechtlichen Sendern zu Prominenz und Reichtum gebracht hat, nannte im „Alternativmedium“ „Kontrafunk“ die Juristin eine „Kampfhenne mit Doppelnamen“.

Diese nur unvollständig aufgeführte Sammlung unappetitlicher rechter Pöbeleien könnte man eigentlich ignorieren, hätte sie nicht den Effekt gehabt, dass Abgeordnete der CDU-Fraktion, deren Vertreter im Wahlausschuss noch für die insgesamt drei Neubesetzungen gestimmt hatten, in der Bundestagssitzung von der Fraktionslinie abwichen und im Verbund mit der AfD gegen sie stimmten, was wiederum bewies, dass Jens Spahn als Fraktionsvorsitzender noch viel lernen muss, ein Eindruck, an dem auch ein ebenso plump wie verspätet lancierter Plagiatsvorwurf wenig änderte.

Weitaus fataler ist, dass die Abgeordneten sich dem Druck der „Alternativmedien“ (wobei es sich meist um von rechten Oligarchen finanzierte Propagandaportale handelt) beugten, weshalb der Nius-Redakteur Karon vom „Triumph der digitalen Gegenöffentlichkeit“ schwärmte. Doch auch aus den Redaktionsstuben der traditionellen Qualitätsmedien vernahm man Stimmen, die den Fall mit jener unsachlichen Dämonisierung behandelten, die man eher von „Nius“ gewohnt ist: Ulf Poschardt schrieb in der „Welt“, Frau Brosius-Gersdorf wirke „fast wie eine Karikatur“ einer „linksaktivistischen Funktionärskaste“, Jan Fleischhauer befand im „focus“, sie erfülle „jedes Klischee der Aktivistin (…), bis hin zum SPD-Doppelnamen.“ Den Herren ist anscheinend nichts zu peinlich, vor allem nicht das Nachplappern der Phrasen von Reichelt und Winter. Die Bereitwilligkeit der vermeintlich Konservativen, die fragilen Reste der Brandmauer einzureißen, wird einmal mehr erkennbar, als sei die AfD nicht der parlamentarische Arm Schnellrodas, sondern eine konservative Partei wie andere auch. Es ist an der Zeit, den überall plärrenden Faschos und ihren pöbelnden „Alternativmedien“ aufzuzeigen, dass sie nur ein Fünftel der Wählerschaft vertreten. Und die CDU sollte man daran erinnern, dass der konservative Koalitionspartner der Nazis ein halbes Jahr, nachdem Hitler Kanzler geworden war, nicht mehr existierte.

PS: Reichelt dreht ab: „In den letzten Tagen habe ich mich oft gefragt, warum die SPD sich auf so fanatische Weise verkämpft für eine radikal linke Aktivistin wie Frauke Brosius-Gersdorf, die Richterin am Verfassungsgericht werden sollte. Die Antwort, die ich darauf habe, lautet: Die SPD wird nicht mehr beherrscht von vernünftigen Sozialdemokraten wie Helmut Schmidt, Gerhard Schröder, Wolfgang Clement, Peer Steinbrück, Henning Voscherau. Die SPD ist in die Hände von Linken gefallen. Sozialdemokraten und Linke sind nicht das Gleiche. Sozialdemokraten sind Arbeiter und leben von der eigenen Arbeit. Linke haben noch nie gearbeitet und leben vom Staat. Sozis haben Mitgefühl, Linke nicht. Linke sind gottlos, Sozis nicht. Sozis kennen die Realität, Linke leben in der Utopie.“ Und ja, er meint Lars Klingbeil und Bärbel Bas.

PPS: Und nun legt in der „welt“ auch noch Rainer Meyer bzw. „Don Alphonso“ los: Er behauptet, die Kampagne gegen Brosius-Gersdorf sei keine gewesen, da er nicht involviert sei: „Wenn es so etwas gegeben hätte, mit den in den Medien genannten Akteuren, hätten sie frühzeitig auch bekannte Multiplikatoren in ihre Pläne einbeziehen müssen. Mich zum Beispiel, denn erstens wissen sie, dass ich bei der WELT keinen speziellen redaktionellen Vorgaben unterliege und so ziemlich schreiben kann, was ich will. Zweitens habe ich 125.000 Follower bei Twitter, die für solche Themen empfänglich sind. Die meisten Namen, die im Rahmen der angeblichen Kampagne genannt werden, kenne ich. Alle haben meinen Kontakt.“ Das ist natürlich ein schlagendes Argument.

Ansonsten macht Meyer das, was Reichelt, dessen „Gespür für Lücken und Märkte, die andere ihm lassen“, er lobt, vormacht, er versteht die Juristin bewusst falsch und berichtet von „Abschaffungswünschen für Wähler der AfD“, wenn diese völlig richtig feststellt, dass ein Verbot der AfD nichts an den Haltungen ihrer Wähler*innen ändert. Den Wahlausschuss des Bundestages bezeichnet er als „Kartell im Hintergrund“, auch wenn darin Vertreter*innen aller Fraktionen (ja, auch der AfD) sitzen, die zur Verschwiegenheit verpflichtet sind, da es vor einer Wahl um die persönlichen Verhältnisse der Kandidat*innen geht.

Die „Lebensschützer“ von „1000plus“ bezeichnet Meyer – fälschlicherweise, denn für ihn existieren sie nur in der Variante Vatermutterkinder – als Beschützer der Familien, denener folgende Personenkreise gegenüberstellt: „Es spricht nichts dagegen, das Dasein bei polyamoren Metzen, Dirnen, Schnoindreiban, Hundemaskenträgern und Stritzis zu verbringen, und auch dafür gibt es eine Lobby. Aber Familien sind vom Grundgesetz besonders geschützt. Dass sich jemand darum kümmert, ist gut.“ Gegen „all die kaputten Ehen in Berlin“ setzt er die Moral des katholischen Landlebens: „Bei uns in Bayern, wo die Scheidungsraten dramatisch geringer als in den Städten sind, wird bei Hochzeiten automatisch erwartet, dass sich Kinder einstellen und die Ehen halten.“ Und wenn sich die Kinder schon vor der Hochzeit einstellen, „gibt es von den Kirchen bis runter zum guten Ruf der Familie einen starken Druck, der in etwa so lautet: Wenn sie schwanger wird, bestellt er das Aufgebot.“ Und geht später zu den Metzen und Dirnen oder, wenn er etwas ganz Besonderes erleben möchte, zu den Hundemaskenträgern.

Israel kämpft einmal mehr für Deutschland bzw. Deutschland

Keine Diskussion über Israels Kriege kommt ohne einen Bezug zu Deutschland aus. Und so dauerte es nicht lange, bis am 16.6.25 in der ehemals linken „jungen Welt“ Susan Witt-Stahl (*1961), die sich mit ihrem Werk „Der Bandera-Komplex“ in die Herzen deutscher Putinisten geschrieben hat, nach einer Kritik an Stephan Grigats Einschätzung des iranischen Regimes zu einer bemerkenswerten Verknüpfung anhob: „Die Verbrämung von Israels Angriffskriegen zu antifaschistischen Taten konveniert der politischen Kultur einer Berliner Republik, die nicht nur an deutschen Kontinuitäten festhält, sondern diese durch wiedererwachte militärische Großmachtambitionen stärkt.“ Was die deutschen Kontinuitäten anbelangt, so führte deren letzte Unterstützung durchs großmächtige deutsche Militär über den Umweg von 6 Millionen Ermordeten zur Gründung Israels, aber das wird Witt-Stahl kaum gemeint haben, spräche dies doch eher für Grigats These, dass der Iran das vollenden wolle, was den Deutschen nicht ganz gelang. So bleibt dann nach dem Geschwurbel nur die Erkenntnis, dass die „IDF schon längst für Deutschland“ kämpfe, um auch den letzten Antiimperialisten, der vielleicht kritische Gedanken entwickeln könnte über die Kontinuitäten, in denen Witt-Stahl steht, davon zu überzeugen, dass das, was aus Israel kommt, niemals gut sein könne.

Ganz ähnlich, wenn auch ungleich bizarrer, ging es in einem Interview zu, dass der „Nius“-Chef Reichelt einen Tag zuvor mit der rechten Radikalkatholikin Gloria von Thurn und Taxis (*1960) führte. Anlässlich der Demonstrationen in Los Angeles raunte Reichelt von einem „NGO-Komplex“, bei dem auch „der Name Soros“ „überraschend auftaucht“, und fragte dann, warum „diese Leute“ die angeblich freiheitliche und stabile Gesellschaft so sehr hassen, dass sie „diese Form von Zwietracht (…) bezahlen“, worauf Thurn und Taxis messerschaft folgerte, es gehe um die Durchsetzung einer „ganz neuen globalisierten Regierungsform“ resp. einer „scharf kontrollierten Einheitsregierung“. Als Reichelt dann auf die Ausschreitungen nach dem Sieg von PSG zu sprechen kam und folgerte – als seien dort ein paar brennende Autos das Problem – Gaza sei nun überall und also auch, durch Zuwanderer, „in unseren Städten“, betonte Thurn und Taxis, das sei ein „internationaler Bürgerkrieg“ mit dem Ziel „eine neue Weltregierung“ zu installieren und in diesem Kampf gehe, so wieder Reichelt vor seinem abschließenden Gruß an die „liebe Gloria“, Israel voran. Man darf für Thurn und Taxis nur hoffen, dass Pilot*innen der israelischen Luftwaffe, die ihr Leben aufs Spiel setzen, damit durchgeknallte Theologen keine Atomwaffen in die Hände bekommen, diesen wirren, mit antisemistischen Verschwörungstheorien gespickten Dialog nie zu sehen bekommen, würden sie doch in Versuchung geraten, einen Abstecher nach Regensburg zu fliegen und dort ein paar Stinkbomben abzuwerfen, unter denen auch diejenigen Bewohner der Stadt leiden müssten, die, anders als die Fürstin, ihre Sinne noch beieinander haben.

Free Germany from palestinian guilt!

Julian Reichelt, der in seinem Poltermedium „nius“ erst vor kurzem den – überfälligen – Vorschlag, es solle verpflichtende KZ-Besuche für Schulklassen geben, denunzieren ließ, fügt der deutschen Debatte um den Gazakrieg eine weitere Facette hinzu. Zu Beginn seines Kommentars äußert er Verständnis für die ablehnende Haltung vieler Deutscher gegen die israelische Fortsetzung des Kriegs: „Angesichts der Bilder der Zerstörung aus Gaza (…), die in manchen Deutschen Bilder ausgelöschter deutscher Städte am Ende des Zweiten Weltkriegs erwecken und sie in ihrer vererbten Erinnerung an Bombennächte und Feuerstürme berühren mögen, ist das eine nachvollziehbare Empfindung.“ Bereitwillig übernimmt Reichelt das rechtsradikale Opfernarrativ von den armen Deutschen, deren Städte durch die Alliierten „ausgelöscht“ wurden, ohne daran zu erinnern, dass es Dresden und Hamburg nicht ohne Warschau und Coventry gegeben hätte. Interessant ist auch die Formulierung von der „vererbten Erinnerung“ an die Bombennächte – kann man also davon ausgehen, dass auch die Erinnerung an den eliminatorischen Antisemitismus vererbt wurde? Zu diesem eliminatorischen Antisemitismus ist Reichelt etwas aufgefallen: „Während die Nationalsozialisten noch um Vertuschung und Spurenverwischung bemüht waren und damit Millionen Deutschen die Ausrede ermöglichten, von nichts gewusst zu haben, gehört das genüsslich ausgekostete und im Livestream verbreitete Morden auf Social Media zum Wesenskern des Islamismus.“ Offenbar spielt er auf die „Aktion 1005“ an, bei der die Nazis Massengräber wieder öffnen ließen (von Gefangenen, die sie später erschossen), verkennt dabei aber, dass dieses halbherzige Vertuschen am Ende einer langen Kette von öffentlichen Entrechtungen, Schikanen und Gewaltexzessen stand, ganz zu schweigen von Verlautbarungen des Führers und seiner Bande, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen. Reichelt wiederholt also die Schutzbehauptung vieler Täter und Mitläufer, man habe von allem nichts gewusst, auch wenn die Forschung („Durch die Auswertung von abgehörten Gesprächen unter Häftlingen der Alliierten weiß man seit 2011, dass der Holocaust in all seinen Formen unter den meisten Wehrmachtssoldaten bekannt war. Beobachter erzählten ihren Kameraden in allen Details von Massenerschießungen, von den Problemen der Schützen mit „Überanstrengung“ beim Morden, besonders von Kleinkindern (…)“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Zeitgenössische_Kenntnis_vom_Holocaust)) längst weiter ist: „Die Geschichte wird uns nie verraten, ob man als junger SS-Offizier ein Held auf Social Media gewesen wäre, wenn man ein paar Fotos von der Selektion an der Rampe in Birkenau gepostet hätte, möglich ist es, aber vermutlich hätten sich viele Deutsche dadurch unwohl gefühlt mit ihrer sagenhaften Bereicherung am Eigentum deportierter Juden.“ „Möglich ist es, aber vermutlich“ – es bleibt alles Spekulation, man weiß es nicht genau, aber Reichelt weiß, wer keine Hemmungen hat, mit seinen Mordtaten zu prahlen: „Der monströseste Judenhasser ist der größte Held der sogenannten Zivilbevölkerung von Gaza.“ So albern es ist, den Informationsfluss im social media-Zeitalter mit dem im familiären Umfeld (und es hat nicht wenige Briefe und Berichte über den Judenmord gegeben) zu vergleichen, so befremdlich und doch leicht zu durchschauen ist das, worauf Reichelt hinauswill: Was den Judenmord anbelangt, waren die Deutschen doch etwas verschwiegener, skrupulöser, schamhafter als die Hamas und ihre Anhänger, irgendwie: besser, oder?

Die Apologien der Nachkriegszeit, die ohne die Milde der Alliierten und eine allgemeine Omertà kaum funktioniert hätten, kehren in anderer Gestalt wieder und fügen sich in eine Neubewertung der Geschichte im Sinne Gaulands („Vogelschiss“) und Höckes („180°). Oder, um es mit Wiglaf Droste zu sagen: „In Deutschland leben, heißt knietief durch Kot waten.“