Post vom Florian

Er „habe lange mit“ sich „gerungen“, aber er müsse „leider feststellen, dass in der SPD allgemein und in der Münchner (…) im Besonderen eine Entfremdung (…) gerade auch für bürgerliche Schichten“ zu spüren sei, obwohl früher doch alles anders gewesen sei: „Früher setzte sich die Münchner SPD selbstverständlich für Handwerker, Gewerbetreibende und Gastronomen ein. (…) Früher fühlten sich Trachtler, Schützen und Jäger, Eigenheimer und Schrebergärtner noch wohl in der SPD.“ So war‘s früher. Und heute? „Heute erfahren Sie (sic!) Hohn, Spott und Ablehnung.“ Und nicht nur das: „Heute feiert man stolz, dass sie (…) die Parkgebühren um mehrere 100% verteuert hat.“ Das kann nicht gutgehen: Den „Versuch, kleinsten Minderheiten nachzueifern, statt Mehrheiten“ – Gewerbetreibende und Gastronomen – anzustreben, eben die „riesige Mehrheit aller Menschen, die täglich ihrem Beruf nachgehen“, alle, die „befremdet, dass (…) Gender-Beauftragte für Kitas das Wichtigste sein sollen“, während „Menschen, die es durch jahrzehntelange Anstrengung zu Wohneigentum in München gebracht haben , nun als Millionäre diffamiert“ werden, „da gerade in München Wohnungen, aber auch kleinere Häuser (…) schnell die Millionengrenze überschreiten“, findet der Herr Post eher nicht gut. Doch „eine linke Ideologie innerhalb der SPD“, dieser „linken Juso-Truppe“, „verbietet (…) eine pragmatische Lösung dieses Problems.“

Doch bevor man noch darüber nachdenken kann, wie schön eine „pragmatische Lösung“ des Problems steigender Mieten sich gestalten könnte (Enteignung der Immobilienkonzerne?), erklärt Florian Post, bald ehemals SPD, dass die „Arbeiterpartei (…) SPD für Menschen mit gewöhnlichen Alltagssorgen“ – also nicht nur Gastronomen und Gewerbetreibende, sondern auch bürgerliche Schichten und zu Unrecht als Millionäre Diffamierte – „keine wählbare Partei mehr“ sei und er „persönlich in einer solchen Partei auch kein Mitglied mehr sein“ könne.

Und so sagt er in seinem Brief der Partei, die ihn in den Bundestag gebracht hat, Lebewohl und verabschiedet sich damit vom Projekt, den demokratischen Sozialismus auch in Deutschland einzuführen (doch, doch, das steht so im SPD-Parteiprogramm), weil ihm diese Partei „zu links, zu grün, zu woke“ (bild.de) vorkommt. Eigentlich schade, dass davon seit ca. 1914 nichts mehr stimmt.

Es wäre aber kaum zu verkraften, wenn dieser Politiker nicht nur aus der SPD, sondern auch aus der Öffentlichkeit verschwände. Zum einen bleibt dem „SPD-Rebellen“ (focus online) noch seine Kolumne auf „focus online“ mit dem etwas irreführenden Titel „links & frei“, zum anderen steht ihm auch noch der Textkanal „Twitter“ zur Verfügung. Eine Woche nach seinem Parteiaustritt zitierte er dort zustimmend den deutschnationalen Schlagersänger Kunze, der von sich behauptete, ihm werde übel, sobald er gegenderte Sprache höre. Zudem halte er Gendern „für eine Form von Tollwut“, also für eine Infektionskrankheit, die von Tieren auf Menschen überträgt wird.

Nun mag man sich fragen, ob deutsche Geistesries*innen wie Post oder Kunze nicht auch andere Sorgen haben sollten, die Anheizung der Affekte gehört aber zu einer sehr deutschen Art der Krisenbewältigung, in der die Affirmation rechter Parolen als Rebellentum verkauft wird. Dazu gesellt sich eine Attitüde, die vorgibt, man verteidige die letzten Bastionen der Vernunft, weswegen Post in einem weiteren (man verzeihe den Kalauer) Post gegen „dieses woke Gesindel“ schimpft, das „uns (wer immer das sein mag, TS) vorschreiben“ wolle, „wie wir zu leben, zu sprechen, zu schreiben“ hätten. Der Anlass ist banal, es geht um ein Cafè in Ingolstadt, das wegen seines Namens („Mohrenkopf“) in den sozialen Medien beschimpft wird, zumindest behauptet das die für ihre intensiven Recherchen bekannte Bild-Zeitung, die damit dem ehemaligen Sozialisten Post eine Gelegenheit zum öffentlich wirksamen Schimpfen in den sozialen Medien liefert. Der schreckt mittlerweile auch vor latenten Drohungen nicht zurück und kommentiert einen weiteren Bericht der Bild (liest der Mann nichts anderes?) über ein ihm zu milde erscheinendes Urteil gegen Angehörige der „Letzten Generation“ mit der Bemerkung, er hoffe „diesen Typen (…) mal im Straßenverkehr“ zu begegnen. Hier wird einmal mehr deutlich, dass es der momentan marginalisierten AfD gelingt, ihre Positionen im „Kulturkampf“ um Gendern etc. auch außerhalb der Partei, i.e.: bis zum rechten Rand der Sozialdemokratie zu etablieren. Ob an der These vom Sozialfaschismus doch etwas dran sein sollte?

Vom neuen Tätervolk

Nicht, dass man die „jungle World“ nicht loben könnte, auch wenn sie mittlerweile zu einer Art „Zeit“ für Studienräte ohne Eigenheim sich entwickelt hat. Aber ein Altpapierstapel jenes Wochenblatts nimmt nicht nur weniger Platz in der Wohnung ein als einer mit alten Ausgaben von di Lorenzos Schnarchblatt, nein, es finden sich in der „jungle World“ immer noch gute Artikel, die man anderswo selten zu lesen bekommt. Für Klopotek, Achtelik oder Mense nimmt man eben einen Schulz oder Bozic in Kauf, auch wenn man immer befürchten muss, dass allzu häufige Trips zu den Bahamas das Schiff bald kentern lassen werden.

Zu loben ist auch der zivilisierende Einfluss, den diese immer noch irgendwie linke Zeitung auf einige ihrer Autoren zu haben scheint: So schrieb ein „Ruhrbaron“, der die Springerpresse mit clanporn aus Essen-Altenessen versorgt und sich spätestens mit dem Ukraine-Krieg zu einem fanatischen Schreibtischkrieger entwickelt hat, dessen ganzer Hass „Putin-Verstehern“, zu denen er auch die biederen Sozialdemokraten der Partei „die Linke“ zählt, gilt, so schrieb also Stefan Laurin, mutmaßlich zähneknirschend, über einen Anschlag auf das Büro dieser Partei in Oberhausen, vergaß dabei aber nicht zu erwähnen, dass die AfD am häufigsten das Ziel von Angriffen gegen Parteien sei. Auch Magnus Klaue, der für den Umgang mit Geflüchteten resp., so seine Diktion, „jungislamischem Bevölkerungszuwachs“ die wissenschaftliche Vorbereitung durch Disziplinen wie „nicht-akzeptierende Sozialarbeit, klinische Psychologie, Kriminologie und Rechtswissenschaft“ (Bahamas 79/2018) empfiehlt, hält sich in seinen Beiträgen in der „jungle World“ mit seinem Hass auf Muslime etwas zurück.

Der Ukraine-Krieg brachte es mit sich, daß viele Linke sich genötigt fühlten, Position zu beziehen, was in dem albernen Exodus gipfelte, den ehemalige Konkret-Autoren inszenierten, da sie bei diesem Magazin eine Vernarrtheit in Putin vermuteten. Als Ziel gaben einige Ehemalige die jungle World an, wo im April 22 ein über jeden Verdacht der Putinliebe erhabener Artikel erschien: Wer „an der Seite Putins steht, macht alles falsch und hat schon verloren“, wer aber mit Selenskij sei, „macht alles richtig“, da „die Geschichte (…) gerade eine Epochenschwelle“ überschreite, „nach den konfusen 90er Jahren“, den „bleiernen Merkeljahre(n)“, einer „Dekade der ewigen Gegenwart“, also einer Zeit, in welcher der Verfasser gerne Epochenschwellen überschritten gesehen hätte, die ihm diesen Anblick aber noch verwehrte: „Selbst das Thema Islam vermochte kaum noch jemanden aufzuregen. Der Rest war Klimawandel und Identitätspolitik“, also nicht Schweigen, sondern eine sich nicht mehr nur anbahnende Katastrophe auf der einen und Feuilletongeschwafel auf der anderen Seite. Der Hinweis auf das „Thema Islam“ läßt vermuten, daß man auch im „Rosa Salon Trier“, wo dieser Artikel zuerst vorgetragen wurde, den Ressentiments der AfD-Wähler durchaus Verständnis entgegenzubringen vermag, zumal von den Ukrainern im ironischen Duktus gesagt wird, sie seien „keine Muslime“, sondern „ziemlich weiß“, weswegen sie „bloß das öde Eigene repräsentieren“, das eine Frage der gemeinsamen Hautfarbe sein muß. Aber wer meint, mit dem Begriff des „Eigenen“ sei das Maß an reaktionärer Diktion, das der Leserschaft einer linken Zeitung zugemutet werden kann, bereits überschritten, täuscht sich: Putins Krieg, welcher „die Geschichte zurück auf die Tagesordnung“ bringe, vollziehe sich „zugleich als historisches Reenactment“, nur seien es „diesmal keine deutschen, sondern russische“ Panzer, welche im Schlamm stecken blieben.

Ist dies einmal gesagt, hat auch der Autor – Dr. O.M. Piecha – keine Hemmungen mehr, sämtliche Schwellen zu überschreiten: „Zu viele Berichte über das Wüten der russischen Soldaten verweisen auf Erzählungen, von denen man immer behauptete, dass nur alte Nazis sie gerne erzählen“ – über das Wüten der Roten Armee, pardon: des Iwans? Wird wohl so sein: Putin zerstöre „den mit Sieg der Roten Armee über Nazideutschland verbundenen Ruhm“, wie überhaupt – hat man etwa doch das falsche Schwein geschlachtet? – „die ungeheure Gewalt und Brutalität, die von der Sowjetunion ausgegangen ist, im Westen verdrängt, verhüllt und verschwiegen wurde.“ Sind die Russen von heute also die neuen Nazis? Einer auf jeden Fall: „Niemand fragt die deutschen Patentinhaber, ob der Hitler-Putin-Vergleich auch genehm ist.“ Man kann sich als Deutscher eben nicht dagegen wehren, wenn die Welt sich weiterdreht. Da liegt auch die folgende Erkenntnis nicht fern: „Vor allem aber hat Putin die Russen zum Tätervolk gemacht.“ Jetzt ist es raus und spätestens jetzt wissen die Deutschen, daß, wenn schon nicht die Westalliierten, doch immerhin sie das richtige Schwein zu schlachten versucht haben, gleichsam in vorweggenommener Westintegration, wenn auch nicht erfolgreich.

Mehr ist über den Artikel in der jungle World nicht zu sagen, außer vielleicht, daß man den Verfasser von einem gewissen Humor nicht freisprechen kann: „Das bedeutet nicht, die Verbrechen der Deutschen relativieren zu wollen.“ Genau.

Was machen aber die Exodus-Autoren, die „die Zurückweisung jeder Relativierung und Instrumentalisierung der Shoah“ nicht mehr als „das Markenzeichen von Konkret“ erkennen konnten, nun in Sachen „jungle World“?

Winnetou bitte noch mehr canceln

„Rassismus-Vorwürfe linker Aktivisten im Netz“ (bild.de) haben angeblich dazu geführt, dass ein Buch zu einem Film über den jungen „Winnetou“ vom Verlag nicht ausgeliefert wird. Dieser „Woke-Wahnsinn“ (bild.de) bedroht offenbar die deutsche Kulturnation als Ganzes, der unvermeidliche Knabe Hubertus fühlt sich sogar an die „Zeit des Stalinismus“ erinnert, „als es Winnetou-Bücher nur noch unter der Hand gab“.

Die Abneigung der DDR gegen Karl May war keiner der schlechtesten Züge dieses Staates, schrieb der lebenslange Außenseiter May doch erzählerisch dürftige und inhaltlich verquaste Endlos-Romane, deren Held stets verblüffende Ähnlichkeiten aufwies mit den Idealvorstellungen, die dieser Autor von sich entwarf, aber nie erfüllen konnte: Ein brutaler Schläger, dem trotzdem alle Herzen zufliegen, ein Deutscher in exotischer Umgebung, der die Werte des Kaiserreichs gegenüber Apachen, Kurden und Albanern vertritt. Auch wenn Arno Schmidt auf einige gelungenere Leistungen des Vielschreibers („Im Reiche des silbernen Löwen“, „Ardistan und Dschinnistan“ ) hingewiesen hat, sind die dumpfen Wildwestgeschichten rund um Winnetou nicht zuletzt durch die albernen Pseudo-Western aus der BRD-Filmwerkstatt der 1960er Jahre immer noch irgendwie populär. Eine so beharrlich erfolgreiche Rezeptionsgeschichte ist kein geringer Erfolg – wer liest heute noch Gustav Freytag?

Nur geht es bei den zurückgezogenen Büchern nicht um Werke von Karl May, sondern um die von Autoren des Jahres 2022. Die könnten vielleicht wissen, dass es im „Wilden Westen“ nicht um die Kämpfe guter Weißer und guter „Indianer“ gegen böse Weiße und böse „Indianer“ ging, sondern darum, die Ureinwohner zu vertreiben, zu töten und zu betrügen. Wenn sie das nicht wissen oder schreiben wollen, sind ihre Bücher kaum wert gedruckt zu werden. Dass der Verlag dies nun ähnlich sieht, hat mit Fragen einer obskuren „cancel culture“ weniger zu tun als mit Überlegungen zum Marketing.

Wer im Falle May ein nationales Kulturgut bedroht sieht, sollte sich erst einmal damit befassen, dass der „Karl May Verlag“ über Jahrzehnte hinweg das Werk dieses Autors fälschte, verkürzte und anderweitig bearbeitete, was aber niemanden interessierte, weil es nicht zur Hetze gegen „linke Aktivisten“ taugte.

Sollten die erreichen, dass nicht nur Spin-Off-Jugendbücher über Winnetou, sondern ein Großteil der mayschen opera in Vergessenheit gerät, wäre schon einiges gewonnen.

Ich habe gesprochen.

PS: Und zwar auf einer österreichischen Plattform, auf der sich auch der eine oder andere Fascho tummelte, der erwartungsgemäß gegen den „Woke-Wahnsinn“ geiferte. Liberalere Kommentatorinnen verteidigten „Winnetou“ als Kindheitshelden, wobei sie sich in der Regel auf die Filme oder irgendwelche Theateradaptionen und nicht auf die ohnehin häufig bearbeiteten Romane bezogen. Und auch Bild legte nach und ließ den Heinz Buschkowsky von der Leine, der forderte: „Die Ampel muss Winnetou retten – wir brauchen den Winnetou-Gipfel im Kanzleramt.“ Was nicht gar. Setzte sich hier noch, verständlicherweise, der eine Orient-Experte und Bestsellerautor für einen toten Kollegen ein, meldete sich Andreas Scheuer mit der ihm eigenen Kenntnislosigkeit aus den ewigen Jagdgründen der politischen Bedeutungslosigkeit zu Wort: „Winnetou soll Winnetou bleiben und Karl May einfach Karl May“ – dass das nie der Fall war, sollte ein Politiker aus dem Land des Karl-May-Verlags eigentlich wissen. Aber das ist wohl im Falle Scheuer, wie eigentlich alles, zu viel verlangt.

PPS: Wenn aber die kriegslüsternen Journalisten bei Springer spitzkriegen, dass May es am Ende seines Lebens mit dem Pazifismus hielt, werden sie ihre Meinung bestimmt bald ändern.

PPPS: Und zu fragen wäre ja auch, ob die Winnetouobsession der BRD nicht auch damit zu tun hatte, dass man gerne über versöhnende Momente zwischen Opfern und Tätern eines Völkermordes las.

Wir können nicht anders oder Beiläufiges zum konkret-Schisma

– Wer sich als Linker begreift, der strebt danach, die unerträglichen Weltverhältnisse zu beseitigen. Ist das geschehen, strebt er in der Folge danach, eine Gesellschaft freier Menschen ohne Ausbeutung zu gestalten. Damit, so darf man vermuten, ist der Linke in seinem Leben eigentlich genug beschäftigt.

– Schwierig wird es, wenn sich die Weltverhältnisse als ebenso zählebig wie brutal erweisen und die Menschen, die in ihnen leben müssen, auf deren Veränderung trotzdem keinen Wert zu legen scheinen. Erfahrungsgemäß nutzen viele Menschen, denen das Linkssein zu anstrengend oder zu wenig lukrativ ist, die nächstbeste Gelegenheit und verabschieden sich von ihrem Linkssein.

– Wer aber weiter als Linker sich begreifen möchte, vertreibt sich die Zeit bis zur Revolution auf mancherlei Art: Er analysiert die Weltverhältnisse, um eine Haltung zu ihnen einnehmen zu können oder er befasst sich mit dem herrschenden Denken und der Frage, inwiefern es auch das Denken der Herrschenden ist. Oft lohnt es sich auch, sich darüber lustig zu machen: „Gremlizas Express“, eine der Rubriken in konkret, die am längsten existierte und erst mit dem Tod des Herausgebers beendet wurde, hätte allenfalls ein Jahr lang geschrieben werden müssen, um den Nachweis zu erbringen, dass die Sprache der Herrschenden eine ist, die die Regeln der Sprache nicht beherrscht. Trotzdem vermittelte sie zuverlässig eine Art fröhliche Aufklärung.

– Wer zu den herrschenden Weltverhältnissen eine Haltung einnehmen muss, sollte damit rechnen, auch einmal falsch zu liegen. Das ist insbesondere bei Kriegen der Fall, bei denen es, wenn sie innerhalb der herrschenden Weltverhältnisse ausgefochten werden, Linken vor allem daran gelegen sein sollte, dass sie so schnell wie möglich beendet werden.

– Denn auch das ist eine Aufgabe, die Linke in den derzeit herrschenden Weltverhältnissen offenbar übernehmen müssen: an grundlegende Regeln des menschlichen Zusammenlebens zu erinnern, dass man, zum Beispiel, Menschen nicht im Meer verrecken lässt, dass man sie nicht ohne Not den Gefahren einer Pandemie aussetzt, oder dass Krieg nicht etwas ist, bei dem irgendwelche Sachen andere Sachen zerstören, sondern Menschen verbrannt, zerfetzt oder verstümmelt werden.

– Um auf den Krieg zwischen Russland und der Ukraine zu sprechen zu kommen: Wer sich da blamiert hat, ist nicht die Linke und auch nicht konkret. Vielmehr haben sich der Liebling und Sponsor der europäischen Rechten und Sozialdemokraten und der Liebling einer großen Koalition aus FDP, III. Weg und Bild-Zeitung als schlicht unfähig erwiesen, einen mehr als 8 Jahre dauernden Konflikt anders als militärisch zu lösen. Bzw., wie sich abzeichnet: nicht einmal so lösen zu können. Was ist gegen diese traurige Bestätigung der Alternative „Sozialismus oder Barbarei“ ein Titelbild, das innerhalb einer Woche veraltete?

– Ob man „so dermaßen danebengelegen“ habe, wird sich erst nach dem (hoffentlich baldigen) Ende des Krieges erweisen. Darüber kann man diskutieren, was aber nicht mehr geht, wenn man mit gleichsam protestantischem Gestus verkündet, man könne nun, da „eine rote Linie überschritten“ sei, nicht mehr anders.

– Was die Rolle Deutschlands anbelangt, so erkennen die Kontrastmittler zwar, dass dieses Land innerhalb des „Westens“ (eine „Wertegemeinschaft“ einander belauernder Skorpione) eine gewisse eigene Rolle als „der treueste Fürsprecher Putins“ spielen könnte, aber auch Großbritannien, Ungarn oder die Türkei spielen ihre ganz eigenen Rollen in diesem Krieg. Deswegen zu meinen, man schwimme mit einer „Pro-Putin-Haltung“ im völkischen Mainstream mit, ist ebenso falsch wie böswillig.

– Überhaupt sind Kriege keine Fußballspiele. Pro- und Contra-Antagonismen stehen jeder ernsthaften Analyse im Wege.

– Jede Abweichung von konkret führte stets nach rechts: Achse des Guten, Bahamas, Compact. Es ist zu vermuten, dass auch die Kontrastmittler nur diese Richtung kennen. Das Alphabet hat noch viele Buchstaben.

„So woke wie eine Javelin“

Kriegszeiten bringen es offenbar mit sich, dass aus erwachsenen Männern wieder kleine Jungs werden, die um so begeisterter von Kriegsgerät schwärmen, je weiter sie vom Schauplatz der Schlachten entfernt sind. Und so wie sie als kleine Jungen die Zinnsoldatenarmee aufbauten oder die Spielzeug-Leopardpanzer durch den Sandkasten schoben oder, später, als Ego-Shooter ihre Opfer bei der Jagd nach dem nächsten Highscore shooteten, so schwärmen sie nun, wenn sie sich als Journalisten einer Kriegspartei verbunden fühlen, von „Superhaubitzen“ oder davon, was bestimmte Drohnen „so alles können“, wie sie also möglichst effektiv das Leben feindlicher Soldaten (oder Zivilisten) beenden.

Und so verwunderte es mich nur wenig, als ein Blogger und Journalist, der seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine seine Begeisterung für die Truppen des angegriffenen Landes nicht verhehlen kann, die Verachtung für eine milde Form der Kapitalismuskritik dadurch zum Ausdruck brachte, dass er eine youtube-Sendung dafür rühmte, sie sei „so woke wie eine Javelin“. Was eine Javelin war, wusste ich nicht, fand aber bald heraus, dass es sich um eine tragbare Flugabwehrrakete handelt, ein dickes Rohr, mir dem ein einzelner Soldat feindliche Flieger vom Himmel holen kann. Dieses Tötungsgerät wird also der verachteten „wokeness“ gegenübergestellt, jener bürgerlichen Beschäftigungstherapie, deren Harmlosigkeit so offenkundig ist, dass sie von der herrschenden Klasse allenfalls belächelt, nicht aber bekämpft wird.

Aber dieser Vergleich, so bizarr und abstoßend er auch wirken mag, hat neben der puerilen Schwärmerei für „Technik, die begeistert“, noch eine weitere Dimension, denn der Verfasser ist bereits, so verrät sein Bild, ein grauer, stattlicher Mann von mittleren Jahren, Mitte 50 mindestens, ein Mann also, der sich gewiss mit alterstypischen Problemen herumschlagen muss. Wäre also die Ablehnung der schlaffen, effeminierten Wokeness einer- und die Begeisterung fürs stramm erigierte Kriegsgerät andererseits die Kompensation einer Verlusterfahrung, die sich zwanghaft im Text ausdrücken muss?

Ich erinnere mich, dass Wolfgang Pohrt in einem seiner Texte darüber spekulierte, was die 68er im Alter, wenn ihre Libido, deren Funktionieren ihren ganzen Stolz ausmachte und sie prahlen ließ, dass zum Establishment bereits gehöre, wer zweimal mit derselben schlafe, wohl anstellten, wenn sie, was sie wollten, nicht mehr könnten. Dass sie, wie er vermutete, dann Kriege führen würden, sollten Fischer und Schröder 1999 eindrucksvoll bestätigen. Auch der militaristische Enthusiasmus des Bloggers lässt sich vielleicht mit folgendem Zweizeiler erklären:

Das Alter zwar zwickt Herrn Laurin

Doch steht ihm noch die Javelin.

(the lighter side of) Life during Wartime

Neues aus dem Kulturleben, diesmal: Pop-Up-Buchmesse Leipzig

„Der Ex-Maoist (…) Schlögel forderte, dass die Deutschen endlich aus dem »Nebel von Märchen, Lügen und Ahnungslosigkeit« herausfinden, den insbesondere Politiker der Linkspartei und Gabriele Krone-Schmalz, die ehemalige Moskau-Korrespondentin der ARD, mit ihrer Russlandversteherei verbreiten würden, obwohl sie »keine Ahnung« hätten. Wenn Bundeskanzler Scholz davor warne, in Deutschland lebende Russen zu attackieren, dann sei das nichts anderes als »Futter für die russische Propaganda«.“ (neues deutschland, 21.03.22)

Aus dem Leben der Tiere

„Wir müssen die Unsicherheit auf der Seite des Feindes, und nichts anderes ist Russland zurzeit, erhöhen. Der Westen darf nicht kalkulierbar sein. Wann und wie wir eingreifen, muss für Putin unklar sein. Es ist gut, dass immer mehr Truppen an der Grenze des Bündnisses zu Russland stationiert werden. Aber der Westen muss klar machen, dass er auch bereit ist, sie einzusetzen. Und zwar dann, wann er es für richtig hält. (…) Putin muss das Kaninchen werden, das auf die Schlange starrt. Wir müssen die Schlange sein, jederzeit bereit zuzuschlagen.“ (Ruhrbarone, Stefan Laurin, 21.3.22)

Intellektuelles Aussteigerprogramm

„Dieses ist ein Abschiedsbrief. Ein Abschiedsbrief an das Land, in dem ich lebe. Ich steige aus diesem Land aus. Ein Land, dessen Regierung den Hilferuf von Menschen, die in die Schrecken eines Vernichtungskrieges gestürzt werden, mit Standing Ovations bedenkt, während jeden Tag, jede Stunde, jede Minute neue Raketen, Geschosse, Granaten, Bomben Kinder und Alte, Kranke und Fliehende, Student*innen und Ärzt*innen, Konvois mit Medikamenten und Nahrung treffen, die durch deutsches Geld finanziert werden. Zynisch ist ein scharfes Wort. Aber jedes andere wäre weniger zutreffend. Mein ganzes Leben lebe ich im Bewusstsein der Schrecknisse des Zweiten Weltkrieges, die von unserem Boden ausgegangen sind. Ich möchte nicht bis an mein Lebensende im Bewusstsein leben, einen weiteren Krieg mitfinanziert zu haben. Ich habe nicht den Zusammenbruch einer sozialistischen Diktatur erlebt, um jetzt zuzuschauen, wie ein vom sowjetischen Geheimdienst trainierter und ausgebildeter Diktator Europa erneut mit Schrecken überzieht. Ich steige aus diesem Land aus, denn mein Einfluss auf dessen Politik ist gering. Eine Politik ohne Rückgrat.“ (FAZ, Antje Rávik Strubel, 18.3.22)

Ist dieser Kampf aussichtslos?

„Jener Teil der Ukraine, dem es gelingt, sich aus Putins Griff zu winden und in den Westen zu retten, könnte die Segnungen der Generalverbuntung schneller kennenlernen, als das Land wieder aufgebaut ist. Eines Tages werden sich diejenigen versammeln, die schon länger in der Ukraine leben, und all jene unter ihren einstigen – also früher unstatthaft so genannten – Landsleuten feiern, die ihr Leben dafür ließen, dass ihre Kinder ihr Geschlecht frei wählen konnten, statt Muttermilch Menschenmilch geben bzw. auf Kinder ganz verzichten sowie klimaneutral wirtschaften, LSBTQ-Partys als gesellschaftlichen Kulturauftrag schätzen, auf Automobilität und Fleisch verzichten und (…) für die Förderung von Frauen, Schwarzen, Moslems ein bisschen zur Kasse gezwungen,(…) Genderstudies, Post- und Antikolonialismus belehrt wurden und“ so weiter und so weiter und so weiter… (acta diurna, Michael Klonovsky, 4.3.22)

Querfronten verhärten sich: „Bündnis gegen Antisemitismus Kassel (…) SlavaUkraini“ (Facebook, 2.3.22)

Ein weiterer Schlag, von dem sich Putin nicht erholen wird

„Liebe Leserinnen und Leser, aufgrund des brutalen Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine, haben wir nach intensiven internen Diskussionen beschlossen, Institutionen der russischen Föderation nicht mehr mit unseren Angeboten zu beliefern. Russische Privathaushalte werden aber weiterhin mit wahrhafter Literatur versorgt, damit auch wir einen kleinen Teil zum Meinungsbildungsprozess beitragen können. … SOLIDARITÄT MIT DEM UKRAINISCHEN VOLK !!!! …Heute können wir Euch / Ihnen ein interessantes Angebot…“ (Kisch und Co., Newsletter 500/2022, 3.3.22)

Ex oriente Lux

„Der deutsche Globalismus hat sich in so tiefe Widersprüche verstrickt, dass uns nur noch gute Freunde daraus befreien können. Etwa die EU-Kommission, die die Kernenergie neuerdings als „grüne Technologie“ einstuft. Auch die spezifisch deutsche „Willkommenskultur“ wird von den europäischen Nachbarländern nicht geteilt. (…) Die uns in Aussicht gestellte „feministische Außenpolitik“ und ähnliche Narreteien sind angesichts der jüngsten Ereignisse in der Ukraine in ihrer Realitätsferne widerlegt. Zu einem unfreiwilligen Retter des romantisch-dekadenten Deutschlands und des Westens überhaupt könnte ausgerechnet der ruchlose Putin werden.“ (Achse des Guten, Heinz Theisen, 28.2.22)

Das Mädchen aus der Taiga

„Hochsommer 2004. Ich kaufe ein in einem Supermarkt am Rande Hannovers. An der Kasse sitzt eine junge Frau, Mitte zwanzig, lächelnd, schwarzhaarig, dunkelmandeläugig, nie schlecht gelaunt. Ich kaufe so gern dort ein. Wir wechseln einige Worte. Sie wirkt klein und zart, und sie flüstert mir zu: „Ich habe dich so vermisst…“ So fing es an. Morgens um fünf, wieder zu Hause bei Nadja: „Darum ist Putin gut! Er kennt euch Deutsche. Putin hat nur einen Traum: Russland und die Russen so treu und so dumm und so gehorsam und so fleißig zu machen wie euch Deutsche. Und Russland wieder groß, so groß wie die Sowjetunion. Wenn wir nicht so schlau, so chaotisch und sentimental und so anarchistisch wären, hätten wir euch Deutsche besiegt, für immer. Wir hätten euch längst in die Tasche gesteckt! Putin arbeitet dran, da kannst du sicher sein! Schluss jetzt. Noch eine rauchen. Und dann ab ins Bett!“ Und so verlor ich mich in den Weiten Russlands, in meinem kleinen zentralasiatischen Wirbelsturm.“ (Achse des Guten, Jesko Matthes, 27.2.22)

Alte Rechnungen begleichen

„Denn für die Achse des Bösen, die von Moskau über Peking und Pjöngjang bis hin nach Caracas und Teheran reicht, könnte die Zeit nicht besser sein, wenn ein woker Westen lieber darüber diskutiert, ob Tampons auch auf Männertoiletten ausliegen sollten oder ob die Frage, wo man herkommt, rassistisch sei, anstatt die Werte der Aufklärung und der Zivilisation zu verteidigen. Von daher: Böhmi, Hengameh, Lauti und Quattromilf, haltet wenigstens einmal euer Maul.“ (A distanza -Aufklärung und Kritik, 27.2.2022)

Don‘t stop the Carnival

„Dass die Kölner und Mainzer Gardeuniformen ursprünglich eine Verhohnepiepelung des blutigen Invasors Napoleon darstellten, ist plötzlich eine aktuelle Botschaft. Lachen gegen die Macht, Feiern für Freundschaft, Singen statt Schießen – das ist eine Lebenshaltung, die auch und gerade in bierernsten Zeiten funktionieren kann. (…) Die pazifistischen Jecken haben Charlie Chaplin und Ernst Lubitsch auf ihrer Seite, die während der Morde von Wehrmacht und SS an der Ostfront ihre urkomischsten Filme gegen Hitler drehten. Darum: Helau und Alaaf, für die Ukraine!“ (welt.de, Dirk Schümer, 26.2.22)

Sehnsucht nach Stärke

„Es ist auch kein Zufall, dass sich nun all die miesen Schurkenstaaten von China über den Iran bis hin zu Venezuela hinter Putin stellen. Sie wissen, dass ihre Zeit gekommen ist, sie wissen, dass der Westen mittlerweile ein zahnloser Papiertiger ist, der sich durch allen möglichen Blödsinn wie Genderdebatten, Pseudo-Antirassismus, Cancel Culture und politisch korrekte Sprache selbst zerfleischt, und sie wissen, dass sie im Prinzip kaum etwas zu befürchten haben.“ (A distanza -Aufklärung und Kritik, 26.2.2022)

Wertegemeinschaft

„Es gab 1945 viele gute Gründe, Deutschland nie wieder in den Kreis der zivilisierten Staaten aufzunehmen: Der Holocaust, die Verbrechen in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten, der begonnene Krieg mit seinen Millionen Toten. Aber die Alliierten, die unter ungeheuren Opfern Deutschland niederkämpften, entschieden sich in einem beispiellosen Akt der Humanität anders (…). Doch anstatt (…) die Ukraine, die in diesen Stunden gegen die russischen Invasoren mit Tapferkeit und Opferwillen um seine Freiheit kämpft, zumindest mit Waffen zu unterstützen, pflegt man einen widerwärtigen Nationalpazifismus. (…) Deutschland (…) ist nicht einmal bereit, einem Land alle Hilfen zu gewähren, die es im Kampf um seine Freiheit erbittet. Die brutale Kälte des deutschen Nationalpazifismus und die noch immer betriebene Appeasementpolitik gegenüber Russland zeigen, dass Deutschland wirtschaftlich ein Teil des Westens ist. Ein Teil der westlichen Wertegemeinschaft ist es nicht.“ (Ruhrbarone, Stefan Laurin, 26.2.22)

Wer schützt mich vor Amerika?

„Ich stelle mich nicht auf die Seite der Russen. Ich stelle mich allerdings auch nicht auf die der Amis (es sei denn, der göttliche Donald tritt noch einmal an), denn aus Amerika kommt aktuell all das Gift, welches die westliche Zivilisation angreift und ihr Immunsystem schleichend zerstört: Political Correctness, Identity Politics, LBGTQ-Verherrlichung samt Abwertung der Familie, Diskreditierung des weißen Mannes und der von ihm geschaffenen Technik und Kultur usf.“ (acta diurna, Michael Klonovsky, 24.2.22)

Eine Abrechnung mit einer, die davonkam oder W.I.E.H.

Deutschland ist ein seltsames Land: Seine Bimmelbahnen heißen „RegionalExpress“, der Schlagersänger Bohlen lässt sich als „Pop-Titan“ feiern, Nazi-Terroristen nennen sich „Heimatschutz“ und das Riechen am eigenen Mief wird zur „Gemütlichkeit“ verklärt. So verwundert es weder, dass ein Spartenmagazin, welches sich dem Kampf gegen „Islamisierung“ verschrieben hat, den weltmännischen Titel „Bahamas“ gewählt hat noch, dass die dort Schreibenden sich „Antideutsche“ nennen, obwohl ihnen nichts so sehr am Herzen liegt wie der gute Ruf des Vaterlandes und seiner Bewohner, es sei denn, es handelt sich dabei um Muslime.

Denn nichts lesen die Deutschen so gerne wie gute Nachrichten über sich selbst und nachgerade ins Entzücken geraten sie, wenn man sie als Anhänger eines obskuren „Staatsantifaschismus“ bezeichnet, oder Muslime, gegen die Ressentiments zu hegen seit 9/11 ja kein Verbrechen mehr sein kann, als Urheber eines „importierten Antisemitismus“ entlarvt, der ihnen gleichsam als Teil ihrer Identität anhafte, während die deutschen Väter und Großväter, kaum hatten sie von ihren Händen das Blut von Auschwitz abgewaschen, diesen Antisemitismus nach 1945 in Windeseile abzulegen in der Lage waren.

Aber weil dieses Ressentiment längst schon in den Mainstream gewandert ist, bleibt das Spartenmagazin ein Spartenmagazin und niemand muss sich mehr durchs schlechte Deutsch der „Bahamas“ quälen, wenn er sich auch durch die barrierefreie Lektüre von Bild.de in dem bestätigt fühlen kann, was in ihm empfindet.

Die Verzweiflung, welche die Erkenntnis der eigenen Überflüssigkeit erzeugt, treibt immer seltsamere und, man muss es leider sagen, ekelhaftere Blüten. In der aktuellen Ausgabe nimmt sich eine aus dem Raum Kassel stammende Nachwuchskraft namens J. Dörge die im Juli 2021 verstorbene Esther Bejarano vor, die dem Tod in Auschwitz entronnen war. Verknüpft wird dies mit einer Art Rezension ihrer 2019 erschienenen „Erinnerungen“. Frau Bejarano zog nach dem Ende des 2. Weltkriegs nach Israel und von Israel wieder nach Deutschland. Mit der Politik beider Länder war sie nicht immer einverstanden und machte das auch öffentlich. Na und?, mag man nun fragen, aber Dörge stößt sich an Bejaranos Kritik an Israel. Und während in der Tat die Nachfahren der Mörder sich für die nächsten tausend Jahre jeglicher „Israelkritik“ enthalten sollten, wirkt es obszön, wenn ein Schreiber aus dem Volk der Täter eine Frau belehren will, die seinen Vorfahren nur mit Glück entkam, und diese Hassattacke auch noch mit dem Zwischentitel „Keine Lehren aus Auschwitz“ verziert. Zeigt sich hier, nur ins Moralische gewendet, die alte deutsche Großmannssucht, oder ist es mehr eine Art Strebertum, das im unermüdlichen Einsatz gegen Antizionismus auch vor Auschwitzüberlebenden nicht Halt macht und diese genussvoll maßregelt? Oder handelt es sich um eine besonders bizarre Spielart des in der Schuldabwehr sich zeigenden deutschen Antisemitismus, der sich von anderer Seite aus in genau der Israel-Kritik äußert, als deren „Kronzeugin“ der Dörge Bejarano ausgemacht haben will? Der ostentative Kampf gegen den Antizionismus hätte demnach einzig den Zweck, eine moralisch erhöhte Position zu besetzen, von der aus man um so bequemer gegen missliebige Juden – mögen sie Bejarano oder Fried oder auch, wegen dessen Kritik an der AfD, Josef Schuster heißen – argumentieren kann. „Ich lass mich doch in meinem Kampf gegen Antisemitismus nicht von einem Juden belehren“ – es ist diese Haltung eine der vielen Zumutungen, die das Leben unter deutschen Zeitgenossen so schwer erträglich machen. Da hätte es das lustvolle Nachtreten gegen Holocaust-Überlebende, wie es der Bahamas-Schreiber exerziert, gar nicht mehr gebraucht.

Verdacht auf Volksverhetzung, möglicherweise oder: Sketches of Coronaland 4

Um einmal mit dem wirklich Wichtigen anzufangen: „Omikron macht die Liga krank! Bild sagt, wie dramatisch die Verluste werden“, die eventuell etwas geringer ausfallen würden, wenn nicht zu lange an der Rückkehr der Zuschauer in die Stadien festgehalten worden wäre, welche aber, das muss man verstehen, den Fußball „endlich wieder“ (auch: Bild) zum Fußball gemacht habe.

Ein Blogger namens Letsch, Roger Letsch, möchte verhindern, dass man eine „Gruppe heute mit Worten ausgrenzen, ihre Integrität, ihre Intelligenz, ihre Absichten, ja, ihre bloße Existenz zum Problem erklären (könne), das man „lösen“ müsse“ und greift, weil man als Deutscher bei der Lösung immer an das Ende denkt, zum Buch „Ganz normale Männer“ des amerikanischen Holocaustforschers Browning, das die Geschichte einer deutschen Einsatzgruppe und ihrer mörderischen Jagd auf Juden erzählt, ist das doch der Vergleich, der den deutschen Letschen als erstes und wie manisch einfällt, wenn es um ungeimpfte Deutsche geht, und ein bisschen haben die Juden sich das auch selbst zuzuschreiben, dass sie verhöhnt werden, steckt doch wohl mindestens einer von ihnen, Soros, hinter dieser ganzen Sache oder hinter diesem Schwab und seinem großen Reset oder Austausch, man weiß es nicht bzw. man weiß es ganz genau.

Es bestehe der Verdacht auf Volksverhetzung, meldet die Polizei, nachdem bei einer Impfgegnerdemo in Nürnberg Schilder mit der Aufschrift „Impfen macht frei“ aufgetaucht sind. Ein Verdacht lediglich, mehr kann man noch nicht sagen. Man muss auch erst einmal prüfen, worauf da eigentlich angespielt werden könnte. In den Chatgruppen der Polizei geht es jedenfalls hoch her. Warum hat den Schutzleuten niemand gesagt, dass man in dem Beruf nicht nur die Dienstwaffe, wenn’s irgend geht, richtig herum halten, sondern auch noch ein halbes Geschichtsstudium absolviert haben muss?

Seine Leser auf der „Achse des Guten“ verstehen Letsch übrigens gut („Es gibt keine Achteljuden mehr: entweder man ist gespritzt oder man ist es nicht“), Ausnahmen („Renommierter amerikanischer Holocaustforscher kann bei mir gleich in die Tonne“) bestätigen die Regel.

Nie sei sie, so die Studentin, auf einer Demo in größerer Besorgnis für ihre körperliche Unversehrtheit gewesen, als auf einer Impfgegnerdemo. Nazis, Rechte, Wutbürger – nur die Fackeln hätten gefehlt (und, so ist zu vermuten, die Polizei in ausreichender Stärke).

Wenn ein Journalist der FAZ fragt: „Wollen wir wirklich ewig leben?“ (Rainer Hank, 27.12.21), darf man davon ausgehen, dass er nicht „uns“ meint, sondern „euch“, denn das Leben ist gerade dann eines der höchsten Güter nicht, wenn es nicht das eigene ist, und so nimmt einer den kurzen Umweg über Montaigne, um bei der Klage zu landen, dass der unproduktive Anteil eines langen Lebens der Kapitalvermehrung der Kapitalvermehrer im Wege stehe: „Jeglicher Produktivitätsfortschritt würde im wahrsten Wortsinn von den vielen Methusalems aufgefressen. Ein Horror, oder?“ Ein Horror für die Besitzenden, in der Tat, und nun sterbt bitte rasch weg, selbst wenn euch die teuren Impfstoffe noch etwas am Leben halten könnten. Irgendwann ist es auch einmal genug. Nicht für uns, aber für euch.

David Berger hat sich tief gebückt und küsst, natürlich nur metaphorisch, den Saum des Gewandes von Erzbischof Carlo Maria Viganò, welcher Impfgegnern bescheinigt, sie hätten der „Erpressung einer staatlichen Autorität widerstanden (…), die überall der globalistischen Macht zu Diensten“ sei, und wer da bei „Globalisten“ antisemitische Untertöne vernimmt, der hört richtig, denn, so Erzbischof Viganò weiter in seiner von „philosophia perennis“ verbreiteten „Weihnachtsbotschaft“: „Ein planetarischer Staatsstreich soll den Great Reset ermöglichen, durch den die abscheuliche Tyrannei der Neuen Weltordnung errichtet werden soll.“ NWO, Great Reset, planetarischer Coup – die Katholiken versammeln sich wieder auf der Seite der Gegenaufklärung und des Antisemitismus, also dort, wo immer schon ihr Platz gewesen ist.

Zum Schluss eine Stimme der Vernunft: „Dennoch“, sagte Goethe „bin ich dafür, daß man von der strenge gebotenen Impfung nicht abgehe, indem solche kleine Ausnahmen gegen die unübersehbaren Wohlthaten des Gesetzes gar nicht in Betracht kommen. (…) Wie ich immer dafür bin, streng auf ein Gesetz zu halten, zumal zu einer Zeit wie die jetzige, wo man aus Schwäche und übertriebener Liberalität überall mehr nachgiebt, als billig.“ Steht so im Goethe-Jahrbuch 1902, S.216ff., und dem Verfasser H. Cohn ist in seiner Bewertung nur beizupflichten: „Man sieht hieraus, wie richtig Goethe schon vor 70 Jahren die Zwangsimpfung bewerthete.“ Und Goethe hatte, wie so oft, Recht.

Wie man zum „Islamversteher“ wird

Ich sei, so las ich vor einigen Wochen über mich, ein „Islam-Versteher“ oder ein „Islam-Apologet“, evtl. auch ein Anhänger eines obskuren „Islam-Appeasements“ (was immer das sein mag, über diesen Begriff könnte man glatt einen gesonderten Artikel schreiben).

Dies hat mich denn doch etwas verwundert, da ich nun keineswegs ein religiöser Mensch bin und mit den Merkwürdigkeiten, zu denen die Metaphysik ihre Anhänger zwingt, wenig anzufangen weiß. Ich fragte mich also, was den Autor, der auf diversen Blogs schreibt, zu dieser Ansicht veranlasst haben könnte und stieß dabei auf einen meiner Kommentare, in dem ich in einem der erwähnten Blogs mein Entsetzen über einen Kommentator äußerte, der meinte, man solle mit hier lebenden Muslimen, mit deren Verhalten man nicht einverstanden sei, folgendermaßen verfahren: „Man muss sie ja nicht gleich töten, aber verjagen, oder ihnen das Leben hier möglichst schwer machen.“

In diesem Satz manifestierte sich die alte deutsche Lust an der Schikanierung von Minderheiten, die auch vor Deportationen und Mord nicht zurückschreckt, und wenig sprach dafür, dass diese Äußerung nicht ernst zu nehmen war. Und was immer man von religiösen Fanatikern halten mag – mir selbst sind sie zutiefst zuwider – so sind Spekulationen darüber, ob alle, die man dafür hält, für vogelfrei erklärt werden können, Ausdruck genau der Barbarei, derer man sie verdächtigt. Es handelt sich – und es ist ebenso traurig wie bezeichnend, dass man dies Menschen, die sich als Verteidiger der Werte des „freien Westens“ begreifen, erklären muss – um gleichberechtigte Mitbürger unserer Gesellschaft, Formulierungen wie „Islam-Versteher“ aber machen sie zu Angehörigen einer feindlichen Macht, denen jegliches Verständnis verwehrt bleiben muss, ja mehr noch: die als Menschen einer eigenen Kategorie gesehn werden, die per se – und nichts anderes beschreibt der Begriff „Islam-Apologet“ – als schuldig gelten müssen, denen mit Misstrauen und Hass begegnet werden darf, an denen man also seine niedrigsten Regungen getrost austoben darf. Dass man solchen Menschen bereits als „Islam-Versteher“ gilt, wenn man Spekulationen über die Ermordung seiner Mitbürger für barbarisch hält, verwundert also kaum.

Der Bärendienst oder: Die Allparteienkoalition der besorgten Metaphernrauner

Zu Gil Ofarim und der Meldung von „Bild am Sonntag“, die Leipziger Polizei habe mittlerweile „ernstzunehmende Zweifel“ daran, dass der Vorfall in dem leipziger Hotel sich so abgespielt habe, wie Ofarim ihn dargestellt hat, schrieb am 17.10.2021 Simone Schmollack in der rotgrünen „taz“: „Sollte es sich tatsächlich bewahrheiten, dass Ofarim die Vorwürfe erfunden hat, war sein Instagram-Video nicht nur ein fettes Eigentor, sondern vor allem ein Bärendienst im Kampf gegen Antisemitismus, Hetze, Hass.“ Anders sahen die Sache der „Tagesspiegel“ und sein Autor Hannes Soltau einen Tag später: „Ofarim hätte auch dem Kampf gegen den Antisemitismus einen gewaltigen Bärendienst erwiesen.“ Rechtsaußen ist man ganz anderer Meinung, in der „Jungen Freiheit“ schreibt am selben Tag jemand mit dem passenden Namen Felix Krautkrämer: „Zu Gil Ofarim bleibt festzuhalten, sollte sich herausstellen, daß seine Vorwürfe so nicht zutreffen oder sogar erfunden sind, hat er seinem möglichen Anliegen, dem Kampf gegen Antisemitismus, einen Bärendienst erwiesen.“

Man könnte nun über diese Artikel hinweggehen und konstatieren, dass Journalismus wenig mit sprachlicher Originalität zu tun habe, aber das Zitat aus der JF findet sich unter dem Titel „Wird der Fall Gil Ofarim zum Sebnitz 2.0?“, der die Richtung vorgibt: In Sebnitz hatte sich seit dem November 2000 der Verdacht, dass ein Sechsjähriger drei Jahre zuvor von rassistischen Jugendlichen ertränkt worden war, nicht bestätigt, er war an einem Herzfehler gestorben. „Sebnitz 2.0“ bedeutet also: Man kann den Opfern von Antisemitismus und Rassismus nicht glauben, die erfinden doch Geschichten, um sich wichtig zu machen, weswegen Hannes Soltau auch meint betonen zu müssen, dass „Deutschland (…) weiterhin (!) ein Antisemitismus-Problem“ habe (was nebenbei doppelt gequirlter Bullshit ist, das Antisemitismus-Problem haben die in Deutschland lebenden Juden), selbst wenn Ofarims Darstellung nicht zuträfe, was die gar nicht so heimliche Hoffnung erkennen lässt, es werde durch die mögliche „Lüge“ eines einzelnen das deutsche Volk noch besser und geläuterter, als es sich eh schon wähnt.

Aber gerade der Hinweis auf Sebnitz zeigt, dass das Gegenteil zutrifft: Zwei Monate zuvor, im September 2000, hatte der NSU mit seinen Morden begonnen und der Polizeijargon von den „Dönermorden“ dokumentierte lange Zeit, dass man den Angehörigen der Opfer, die schon früh auf Nazis als mögliche Täter hinwiesen, nicht glaubte. Bei der Metapher vom „Bärendienst“ finden sich daher alle zusammen, die nichts lieber wollen, als dass Menschen, die als „fremd“ begriffen werden, aufhören zu nörgeln und auf ihren prekären, ungeschützten Status hinzuweisen. Damit einher geht der feste Glauben daran, dass die eigentlichen Opfer wie stets die Deutschen sind, weswegen die völkisch verhetzten Leser der „Jungen Freiheit“ nicht nur einen „Gipfel der Geschmacklosigkeit“ erkennen, sondern auch „Verleumdung (…), Rufschädigung, Üble Nachrede, Geschäftsschädigung (…), sogar (…) Volksverhetzung.“

Man kann Herrn Ofarim nur dafür danken, dass er das Volk der Nazinachfahren dazu verführt hat, sich einmal mehr zu demaskieren. Darauf einen Bärenfang!