Pädagogenjagd (oder auch nicht). Szenen aus Niederbayern

Der § 116 des Grundgesetzes ist eindeutig: Deutscher im Sinne des Grundgesetzes ist, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Nicht steht dort, dass Deutscher nicht ist, wer eine bestimmte Religion hat, bestimmte sexuelle Vorlieben oder eine bestimmte Familiengeschichte, die, zum Beispiel, durch einen „Migrationshintergrund“ geprägt ist. Ich war also etwas verwundert, als ich Anfang August in der online-Ausgabe der Zeitschrift „Tichys Einblick“ gleich zweimal das Wort „Deutsche“ mit Anführungszeichen geschrieben fand, als es um Deutsche mit Migrationshintergrund ging, so als seien diese Deutschen gar keine Deutschen. Auch die Tatsache, dass sie im Zusammenhang mit Verbrechen genannt wurden, berechtigt ja nicht dazu, diesen Deutschen durch die Interpunktion ihre Staatsangehörigkeit zu entziehen.

Nun könnte man einwenden, dass es unter das durch das Grundgesetz geschützte Recht auf Meinungsfreiheit fällt, wenn man Deutsche zum Beispiel nur dann als Deutsche ansieht, wenn sie blond und blauäugig sind. Das wäre zwar, bedingt durch die deutsche Geschichte, nicht ganz unbelastet, aber nicht verboten. Allerdings handelt es sich beim Verfasser des Textes nicht um irgendwen, sondern um Josef Kraus, einen Lehrer, dem sowohl in seinem Beruf (er leitete ein Gymnasium im niederbayrischen Vilbisberg) als auch als Funktionär (er war von 1987 bis 2017 Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes) eine beachtliche Karriere gelang. Da er die Amtsbezeichnung Oberstudiendirektor führte, war resp. ist er ein Beamter, und damit wird es problematisch, da ihn dieser Status zu einer Verfassungstreue verpflichtet, die nicht mit dem Beginn des Ruhestandes endet. Bei schweren disziplinarischen Verstößen gegen seine Pflichten können die Pensionsbezüge gekürzt werden, aber da sich niemand, sieht man einmal von Menschen wie mir ab, daran zu stören scheint, dass man ca. 13 Millionen Deutsche nur als „Deutsche“ ansieht, darf Kraus sich weiterhin seiner Bezüge erfreuen.

Ganz anders sieht es aus, wenn man von Vilbisberg ca. 50 km nördlich fährt. In Mallersdorf-Pfaffenberg (immer noch Niederbayern) machte Hubert Aiwanger 1990 Abitur. Heute ist er Landesvorsitzender der Freien Wähler Bayern, bayrischer Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident. 2023 wurde bekannt, dass er als Schüler ein Flugblatt bei sich trug, in welchem dem „größten Vaterlandsverräter“ ein „Freiflug durch den Schornstein in Auschwitz“ in Aussicht gestellt wurde. Aiwangers Bruder bekannte, nicht sein Bruder sei der Verfasser, sondern er, Aiwangers Bruder, woraufhin Söder seinem Vize einige kritische Fragen stellte, dieser, was er dann doch versäumt haben soll, reumütig den Dialog mit den jüdischen Gemeinden zu suchen versprach und trotz oder gerade wegen dieser Affäre das Ergebnis seiner Partei um 268.371 Stimmen (insgesamt 15,8%) verbesserte und weiterhin der zweitmächtigste bayrischer Politiker ist. Nicht ganz so reibungslos lief die Affäre für den mittlerweile pensionierten Lehrer ab, der im Verdacht steht, der Presse Hinweise auf Aiwangers Vergangenheit gegeben zu haben. Eine erste Anklage wegen der möglichen Verletzung von Dienstgeheimnissen wurde 2024 fallengelassen, allerdings läuft noch ein Disziplinarverfahren, das aber nun, da erneut eine Strafanzeige gegen den Lehrer vorliegt (es geht um die „verbotene Weitergabe von Dienstgeheimnissen“, eine ehemalige Schülerin – nicht aus Aiwangers Jahrgang – hat sie veranlasst, da der Lehrer das Flugblatt auf einem Abiturtreffen herumgezeigt habe), erst einmal zurückgestellt wird. Da hat sich wohl jemand mit den falschen Leuten angelegt, zumal er Morddrohungen und andere Belästigungen erleben musste, von denen die Lieferung einer nicht bestellten Pizza noch die harmloseste war. Warum hat er sich aber auch nicht, wie andere, vorbildliche Lehrer aus Niederbayern (Josef Kraus erhielt das Bundesverdienstkreuz und u.a. (für seine Indienstnahme der Interpunktion für Fragen des Staatsbürgerrechts?) den „Deutschen Sprachpreis“ ), darauf beschränkt, Menschen, die aus falschen Familien stammen, ihr Deutschsein abzusprechen?

Lachen mit Jan oder Die heitere Seite des Hitzetods

Jan Fleischhauer hat als Journalist einiges geleistet: Erst bezeichnete er sich als links und ließ sich vom Spiegel bezahlen, dann bezeichnete er sich als rechts und ließ sich vom Focus bezahlen. Zwischendurch schrieb er ein Buch darüber, wie es zu diesem Wechsel kam, und sitzt seitdem im Fernseh‘ und gibt den überlegen schmunzelnden konservativen Onkel, der sich für die Torheiten der Jugend (worunter alle unter 60 zu verstehen sind) nur Spott übrig hat. In seiner Kolumne vom 18.7.26 setzt er sich mit der Nachricht auseinander, die starke Hitze in Deutschland weit über 5000 Menschen das Leben gekostet. Fleischhauer reagiert mit Flapsigkeit: „Der Hitzetod kommt auch zu dir“ titelt er und zitiert dabei die spöttisch-brutalen Verse „Warte, warte nur ein Weilchen / dann kommt Haarmann auch zu Dir“ aus den 1920er Jahren. Auch vor absurd klingenden Vergleichen scheut er nicht zurück: „Die Hitzetoten sind die Eisbären des Sommers“ und alle Klimawandelerzählungen eh für die Katz, denn Eisbären gibt es ja immer noch, oder? Und was sind das überhaupt für Leute, die da sterben? Skandal! Erst „im Kleingedruckten“ bekomme man zu lesen, „dass es vor allem sehr alte und sehr kranke Menschen trifft. Statt im Alter von 85 Jahren und fünf Monaten sterben sie mit 85 Jahren und zwei Monaten“ und sollen sich also bitte nicht so anstellen, wenn es ihnen an den Kragen geht. In der Ignoranz gegenüber dem, was Wissenschaftler als Klimakatastrophe bezeichnen, geht also nicht nur das Bewusstsein für die anstehenden gewaltigen Veränderungen flöten, sondern auch jeder Rest Humanität. So erinnert Fleischhauers Rat, wie man den Hitzetod vermeiden könne, an Marie Antoinettes Empfehlung, gegen den Mangel an Brot doch Kuchen zu essen: Eine Klimaanlage sei „das probateste Mittel (…), ich habe vor vier Jahren eine (…) installiert.“ Die Kosten für diese Installation beginnen bei 5000 € und sind wohl nur für die wenigsten der von Altersarmut Betroffenen zu stemmen. Aber es geht Fleischhauer auch weniger um die Lösung eines Problems als vielmehr um Ideologie: „Was, wenn die Leute den Eindruck bekommen, man käme auch mit längeren Hitzeperioden zurecht?Dann könnten sie ja auf die Idee kommen, dass man sich auch mit dem Klimawandel arrangieren könnte.“ Dass man sich mit dem Klimawandel, dessen Existenz Fleischhauer hier nonchalant bestätigt, längst arrangieren muss, und dass dieses „Arrangement“ Menschen das Leben kostet, spielt im verbohrten Denken desjenigen, der an den Bequemlichkeiten des fossilen Zeitalters so lange wie möglich festhalten möchte, keine Rolle.

Auch die Reaktion auf die Nachricht, es seien allein im Juni 99 Menschen beim Baden ertrunken, ist ebenso nassforsch wie zynisch: „Zu Hause droht der Wärmekollaps, draußen der Hitzschlag und im Wasser der Badetod.“ Dass dieser die Folge einer rigorosen Sparpolitik sein könnte, die das Geld aus den öffentlichen Kassen in die Taschen derjenigen lenkte, die sich einen Fleischhauer als Sprachrohr leisten, dass also das Verschwinden der öffentlichen Bäder und die Kürzungen im schulischen Schwimmunterricht den Tod dieser Menschen begünstigt haben könnten, fällt ihm nicht ein. Immerhin hat er nicht den Bau eines Swimmingpools im Garten als das „probateste Mittel“ gegen den Tod im Badesee empfohlen.

Das Antideutschthum in der Musik

Ein Sänger und ein Pianist wollen ein Chanson über Antifaschismus in Zeiten der Faschisierung vortragen, der Sender, der das ausstrahlen soll, möchte das lieber nicht. Man könnte, wenn man wollte – und welches der Hassmedien, die sich der Faschisierung verschrieben haben, wollte das nicht? – vielleicht und unter Umständen doch noch einen Hinweis aus dem Lied herauslesen, dass Gewalt in politischen Auseinandersetzungen eine Rolle spielen kann, aber der Sender (das ZDF) empfiehlt Antifaschisten, die, wie in Göttingen oder Stuttgart, von Jungnazis mit Messern angegriffen werden, doch lieber die andere Backe hinzuhalten, und untersagte nach einer sehr lang andauernden Exegese das Lied in einer Satiresendung vorzutragen. Wer mag, kann in diesem Verbot ein Zeichen von Feigheit eines steinreichen Mediums sehen, das sogar vor einem Schreihals wie Julian Reichelt und seinen Kampagnen Angst verspürt. Es sind halt triste Zeiten.

Wie trist sie in Wahrheit sind, macht der Kommentar von Peter Merg deutlich, der am 20.7. in der „jungen Welt“ erschien. Er bescheinigt dem Chanson „Keine Angst“ einen „hilflosen Antifaschismus“, da es „die Selbstabschaffung der liberalen Demokratie“ nicht aufhalten könne, wie ja überhaupt die Antifa gescheitert sei, da sie die AfD, die von derzeit 27% der Bevölkerung (glaubt man den Umfragen) Unterstützung erwarten darf, nicht aufhalten könne. Eine Idee – zum Beispiel die, dass der bürgerliche Staat zwar mies, seine faschistische Alternative aber noch weitaus mieser ist – wird aber nicht dadurch falsch, dass sie scheinbar gescheitert ist, wie überhaupt in der Idee des Antifaschismus die Möglichkeit, er könne scheitern, stets enthalten ist.

Sehr ausführlich befasst sich Mergs Text mit den beiden Künstlern und bescheinigt ihnen, sie seien „natürlich (…) für Antiimperialisten keine ‚echten‘ Linken.“ „Danger Dan“ habe „offenkundig (…) arg viel Jungle World gelesen“, gehöre also zu dem „zerfallenen Milieu“ der „Linksantideutschen“, dem die „Bekämpfung der rechtsreligiösen Hamas wichtiger“ sei „als die Schonung palästinensischer Zivilisten“. Abgesehen davon, ob „rechtsreligiös“ eher einen Pleonasmus oder einen Euphemismus darstellt, fragt man sich, ob die Leser je vom 7. Oktober 2023 erfahren würden, wenn sie immer nur ihre Zeitung läsen. Auch Igor Levit verteidige „Israel selbst noch, wenn es gerade einen Krieg gegen den Iran“ beginne, vor allem aber könne man ihm „als Pianisten auch ohne antisemitische Untertöne eine etwas übermäßige Liebe zur technischen Perfektion vorwerfen.“ Ich habe mich gefragt, was Levits jüdische Herkunft mit seinem Klavierspiel zu tun haben könnte, bis ich in der Abhandlung „Das Judenthum in der Musik“ auf die Stelle stieß, in der Wagner am Beispiel von Felix Mendelssohn-Bartholdy Juden bescheinigte, diesen gelinge es trotz „reichster, specifischer Talentfülle“ kein „einziges Mal die tiefe, Herz und Seele ergreifende Wirkung auf uns hervorzubringen, welche wir von der Kunst erwarten“. Auch Levit mag also zwar technisch perfekt spielen, die „Tiefe“ aber, die den Arier auszeichnet, wenn er mal nicht in seiner Nase bohrt, sondern seine Seele erforscht, wird er nie empfinden. Merg geht noch einen Schritt weiter und äußert den Verdacht, „die Ästhetik seiner (Levits) Interpretationen“ korrespondiere „nicht zufällig mit seinem Verständnis des sauberen ‚Staatsbürgers‘“, sei also Ausdruck eines staatstragenden Opportunismus, welchen übrigens auch der Hausautor der AfD (Klonovsky) dem „Moralpianisten“ bescheinigte, nicht ohne ihn bei der Gelegenheit in die Nähe von Goebbels zu rücken.

Was ich aber von einer antiimperialistischen Linken halte, der zu einem jüdischen Pianisten nichts anderes einfällt als ein Rückgriff auf Wagners antisemitische Musikwissenschaft und die einem jüdischen Deutschen das Vertrauen in den bürgerlichen Staat als kriecherische Anbiederung übelnimmt, wäre, würde ich‘s äußern, weder im ZDF noch sonstwo zur Ausstrahlung geeignet.

Über eine Fußnote von Bernd Rauschenbach

„Mir ist die Schiefheit dieses Wortes durchaus bewußt, aber es mag nun einmal stehen bleiben für etwas, das mangels Existenz nie eine passende Bezeichnung erhalten hat.“ Diese Anmerkung findet sich auf Seite 16 des ersten „Heftes zur Forschung“ der Arno Schmidt-Stiftung, das 1992 unter dem Titel „Vielleicht sind noch andere Wege“ erschien. In dem Aufsatz „I would‘nt have it as a gift“ setzt sich Rauschenbach mit Schmidts Goethepreisrede von 1973 und dem dort propagierten Arbeitsbegriff auseinander. Gegen die 40-Stunden-Woche setzt Schmidt die eigene „100-Stunden-Woche“ und bezeichnet Arbeit als das „einzige Panacee (…) gegen alles.“ Da ich den Inhalt der Rede als bekannt voraussetze, möchte ich lieber das Augenmerk auf Rauschenbachs Fußnote setzen, denn das schiefe Wort für etwas, das nie existiert hat, ist „Vergangenheitsbewältigung“.

Die aber konnte nicht dadurch gelingen, dass man sich lediglich mit dem „Beiseiteräumen der Ruinen“ befasste, jeden aber, der an die deutschen Verbrechen erinnerte, als Störenfried empfand. Schmidt, der in der Trilogie „Nobodaddys Kinder“ NS-Zeit, Nachkrieg und – in „Schwarze Spiegel“ – die Zeit nach einem Atomkrieg aus der Perspektive der Einzelgänger und Außenseiter beschreibt, taugte als Störenfried hervorragend, was zu Schikanen bis hin zu juristischen Verfolgungen führte. Dass er dabei das versuchte, was nicht erwünscht war, eine „geistige Vergangenheitsbewältigung“, konnte nur gelingen, indem er die Sprachnormen seiner immer noch nazifizierten Gegenwart überwand und an die literarischen Neuerungen anknüpfte, die durch den deutschen Faschismus unterdrückt worden waren. Die Moderne war woanders weitergegangen und die deutsche Sprache verkommen zum Organ von Heeresbericht und KZ-Befehlen, einer „Sprache, die ausschließlich geschaffen schien, gebrüllt zu werden“ (Claude Simon). Nur, wenn aus dieser Sprache wieder eine der Menschenliebe und des Witzes, der Klarheit wie der weltläufigen Weite wird (und ja, das ist ein Votum gegen all die „Sprachschützer“ mit ihrem Hass auf Gendern, Anglizismen oder Kiezdeutsch) kann das, was nie existiert hat, vielleicht doch noch gelingen.

Am 2.7.2026 ist der Autor und Rezitator Bernd Rauschenbach, der die Arno Schmidt-Stiftung von 2001 bis 2018 als geschäftsführender Vorstand leitete, in Celle gestorben. In Celle ereignete sich am 8.4.1945 ein Massaker an KZ-Häftlingen, die einen Bombenangriff auf den Bahnhof genutzt hatten, um zu fliehen. An der zynisch als „Celler Hasenjagd“ bezeichneten Menschenjagd beteiligten sich nicht nur Wehrmachtssoldaten und Polizisten, sondern auch Zivilisten, man geht von mindestens 170 Opfern aus. 14 Beteiligte wurden 1947 von den Briten angeklagt, 3 von ihnen wurden zum Tode verurteilt, 4 zu Haftstrafen. Keines der Todesurteile wurde vollstreckt, 1952 waren alle Verurteilten bereits wieder aus der Haft entlassen. Erst 1992 errichtete die Stadt ein Denkmal zur Erinnerung an die Opfer.

Vergangenheitsbewältigung? „Etwas, das mangels Existenz nie eine passende Bezeichnung erhalten hat.“

Hitler. Bruder. Warum ich von Joachim Fest wenig und von Patrick Modiano viel halte.

Die Frau sitzt verstört auf dem Asphalt, am Rande des Bürgersteigs. Eines ihrer Beine ist auf das Straßenpflaster abgespreizt. Sie blickt geradeaus, die Männer, die um sie herumstehen und von denen man nicht die Gesichter, sondern nur den unteren Teil ihrer Mäntel sieht, versucht sie zu ignorieren, was auch mit der namenlosen Angst zu tun haben muss, unter der sie erkennbar leidet. Ihr ist Gewalt angetan worden, sie ist, bis auf die Schuhe, unbekleidet. Mit der rechten Hand versucht sie eine Brust zu bedecken, die andere ist, wie ihre Schambehaarung, den Blicken der Betrachter ausgeliefert. In ihrer Schutzlosigkeit, ihrer Todesangst gibt sie das erschütternde Beispiel eines Menschen, welcher der Grausamkeit mitleidloser Gewaltmenschen ausgeliefert ist.

Dieses mir bislang unbekannte Bild, welches laut Bildnachweis bei einem „Pogrom (in) Lemberg 1942“ wurde, irritiert mich, seit ich es das erste Mal sah. Das hat weniger damit zu tun, dass das Pogrom in Lemberg, bei dem ukrainische Nationalisten unter Duldung und Billigung der Deutschen Jagd auf die Jüd*innen Lembergs gemacht haben, 1941 stattfand. Es hat mit dem Buch zu tun, in dem ich es fand, der über 1100 Seiten dicken Biographie „Hitler“ von Joachim Fest aus dem Jahre 1973 (zitiert nach der 4. Auflage 1973). Es ist eines der wenigen Bilder, welche das deutsche Menschheitsverbrechen dokumentieren. Ansonsten dominiert Hitler den Bildteil: Hitler auf Parteitagen, Hitler bei Besprechungen mit seinen Gefolgsleuten, Hitler mit seinen wenigen Geliebten, seinen Kötern – da wirkt das einzige Bild eines nackten Menschen merkwürdig deplatziert und es drängt sich der Verdacht auf, der Voyeurismus der Leser sollte befriedigt werden. Die Frau, die dort vor ihren mutmaßlichen Mördern entblößt wurde, wird sich nicht mehr wehren können.

In den Romanen von Patrick Modiano geht es immer wieder um die schmale Grenze zwischen scheinbar Vergangenem und der Gegenwart. Oft behandelt der 1945 geborene Autor, dessen Vater, anders als die Eltern von Georges Perec, sie überlebte, die Zeit der deutschen Besatzung. „Dora Bruder“, ein 1997 entstandener Text, fällt aus der Reihe der Romane heraus. Er behandelt das Schicksal eines jungen Mädchens, auf das Modiano durch eine Suchanzeige aus dem Jahr 1941 aufmerksam wurde. Er forschte ihr, die in Auschwitz ermordet wurde, und ihrem kurzen Leben nach und so lernen wir, auch wenn manche Episoden nicht rekonstruiert werden konnten, Dora Bruder als freiheitsliebendes Individuum kennen, das zum Beispiel aus einem Internat ausriss, seinen Mördern aber nicht entkommen konnte. Modianos Buch gibt ihr die Würde zurück und entreißt sie einer Namenlosigkeit, zu der die Täter sie verurteilen wollten. Hitler, um auf den zurückzukommen, interessiert mich nicht besonders. Das augenfällig Trottelhafte dieses Mannes passt nicht zu der Dämonisierung, welche die angeblich von ihm „verführten“ Deutschen seit Kriegsende betrieben. In Fests Biographie kommt nur auf wenigen von 1100 Seiten die Shoah zur Sprache, die Namen Eichmann oder Mengele sucht man im Personenregister vergeblich, auch der Name Rudel, 1973 noch ein Strippenzieher des Neonazismus und Hitlers höchstdekorierter Soldat, fehlt. Den Opfern dieser Männer, für welche die entblößte Frau exemplarisch steht, soll postum die Würde geraubt werden. Stoff, den die Deutschen gerne lesen. Ich nicht.

Tommy R. auf den Bahamas. Kein Sohn seiner Klasse

Der – versuchen wir‘s neutral zu benennen – Aktivist „Tommy Robinson“ hat nun auch Eingang in den Kosmos der – versuchen wir‘s neutral zu benennen – islamkritischen Zeitschrift „Bahamas“ gefunden. Dass „Robinson“ kräftig daran arbeitet, zur Ikone der europäischen wie amerikanischen Rechten (vor allem Elon Musk fördert ihn) zu werden, stört das sich immer noch als „antideutsch“ bezeichnende Blatt wenig, schließlich hat „Robinson“ am 13.9.25 einen gewaltigen Marsch für die „Meinungsfreiheit“ zustande gebracht, bei dem eine Teilnehmerin aus Südwales im Interview mit der BBC über die steigenden Preise einerseits und in Hotels wohnende Flüchtlinge andererseits sich beschwerte. An letzterem, so der Autor, habe sich „2025 der öffentliche Protest gegen unkontrollierte Einwanderung in allen Landesteilen entzündet“, was eine recht milde Umschreibung ist für die bedrohlichen Aufmärsche, die Faschisten vor Flüchtlingsunterkünften veranstalteten.

Dass „Robinson“ gegen die Einwanderung von Muslimen agitiert, ist für „Bahamas“ kein Problem, natürlich nicht. Schwieriger wird es schon, wenn die „jungle World“ sich mit seinem vermeintlichen Engagement für Israel befasst und nachweist, dass dabei trotzdem antisemitische Topoi bedient werden. In der Tat wirft „Robinson“ „jüdischen Eliten, die die Medien, Hollywood und die Finanzwelt dominieren“, vor, „Verräter ihres Volkes“ zu sein, also den Antisemitismus zu befördern, weil sie halt so unglaublich mächtig sind. Auch „Robinsons“ Kritik an der jüdischen Philosophin Barbara Spectre, die den Juden empfahl, eine prägende Rolle bei der – überlebenswichtigen – Transformation Europas in einen multikulturellen Kontinent zu spielen, sei nicht antisemitisch, berufe er, „Robinson“, sich doch auf Juden, die er kenne und die alles ganz anders sähen als Spectre. Denn, so soll man wohl vermuten, eine Verschwörungstheorie, die um einflussreiche Juden kreist, muss noch lange nicht antisemitisch sein, nur weil sie um einflussreiche Juden kreist. Und selbstverständlich darf in diesem Zusammenhang auch nicht der Hinweis auf eine „finanzielle Unterstützung von antisemitischen, offene Grenzen und Multikulturalismus fördernde NGOs durch Soros‘ Open Society Foundation“ fehlen, denn im Weltbild des „Bahamas“-Autors ist der „Multikulturalismus“ nicht der Normalzustand westlicher Gesellschaften (inkl. Israels), sondern ein gleichsam unnatürlicher Zustand, den man durch gesicherte Grenzen vermeiden muss. Dass niemand von außen einwandern darf, ist ein Kennzeichen völkischer Kollektive.

Wer aber vom Volk als Kategorie schweigen muss, weil er immer noch als irgendwie links gelten will, schiebt die Klasse vor und nennt „Robinsons jüdische Kritiker (…) linksliberal und einer Klasse zugehörig“, die sich „der Herrschaft andienen“ wolle, um „ihren relativ hohen Bildungsgrad zur Ideologieproduktion“ zu „missbrauchen“, „ den Multikulturalismus“ zu befördern und „die Gefahr, die von einem signifikant wachsenden muslimischen Bevölkerungsanteil“ ausgehe, „systematisch klein“ zu reden. Diese jüdischen Intellektuellen, „abhängig von Fördermitteln“, setzen „auf Identitätspolitik und (…) auf Klassenkampf (…) nur (…) von oben“ und zwar gegen „den Protest von als einfach geltenden Leuten gegen die Islamisierung“. Das Einverständnis mit den „einfachen Leuten“, die, wenn sie nicht muslimisch sind, in ihren Erklärungsmustern („die wohnen in Hotels, während meine Miete steigt“ ) über den Kapitalismus schweigen, um um so lauter über die zu reden, die ebenfalls seine Opfer sind, führt zum Einverständnis mit rechten Agitatoren wie „Robinson“, die den Mob in Wallung und ein völkisches Kollektiv auf die Straße bringen, das nicht in Klassen denkt, sondern in Identitäten.

Den Konsens dieses Kollektivs stören die wohlhabenden jüdischen Intellektuellen, die das einfache Volk mit dem Multikulturalismus überfordern (wenn sie nicht, wie im Falle Soros, diesen fördern, um das westlichen Gesellschaften – angeblich – zu zersetzen). Wer aber eine Gesellschaft in Ethnien unterteilt, ist an Klassen nicht interessiert. Juden sind in diesem Weltbild selbstverständlich nicht britische Staatsbürger, sondern stehen außerhalb des völkischen Kollektivs und werden als Fremdstämmige in Unterstützer oder Gegner unterteilt. „Robinson“ ist, wenig überraschend, kein „Sohn seiner Klasse“, sondern das Produkt eines rassistischen Kollektivs.

Und das ausgerechnet am 8.Mai!

Gegen die „Israel-Apologie“, so meldet die junge Welt heute, planen die „Apologeten des Zionismus“ als „letztes Mittel Repression“ einzusetzen, da „die weltweite Empörung und Abscheu angesichts der von israelischen Soldaten und Siedlern begangenen Verbrechen in Palästina, im Libanon und im Iran“ zu groß seien. Gemeint ist ein Gesetzentwurf, den das Bundesland Hessen in den Bundesrat einbringen will und der Geld- und Haftstrafen für eine „Leugnung des Existenzrechts Israels“ vorsieht.

Besonders empört den Autor, Phlipp Tassev, dass der Entwurf „ausgerechnet am 8. Mai, dem Jahrestag der Befreiung Deutschlands vom Faschismus“ eingebracht werde. Der Sinn dieser Aussage bleibt vorerst unklar: Soll die Niederlage des deutschen etwa davon ablenken, dass der israelische Faschismus immer noch in der Welt ist? Oder heißt „Befreiung“ vom Faschismus auch, dass die befreiten Deutschen sich aufatmend wieder auf ihre Lieblingsgegner, die Juden, stürzen dürfen? Aber eine solche „Gleichsetzung des israelischen Staates mit dem Judentum im Allgemeinen“ sieht der Autor nicht, hieße das doch, dass der Antizionismus einen antisemitischen Kern hätte. Und tatsächlich mögen sich viele Juden, zumal in der israelischen Opposition, gegen diese Gleichsetzung verwahren, ihre Feinde aber, die sie in Kibbuzim, auf einem Musikfestival oder an einem Strand erschießen oder ihre Synagogen anzünden, nehmen diese Unterscheidung nicht vor.

Der Bezug auf die Shoah, der in der Gesetzesbegründung angeführt wird, stellt für den Verfasser nur eine „Halbwahrheit“ dar, denn obwohl „die Verbrechen des deutschen Faschismus einer israelischen Staatsgründung“ „zweifellos (…) erheblich Vorschub“ geleistet hätten, sei der Zionismus „rund 40 Jahre älter (…) als der Hitlerfaschismus“, weswegen sich Israel den andauernden Hinweis auf den beinah erfolgreichen deutschen Versuch, die Juden zu vernichten, gefälligst verkneifen sollte und den ganzen Quatsch mit Yad Vashem und Holocaust-Gedenktag am besten gleich auch.

Und so erhält die Formulierung, dass das Gesetz „ausgerechnet am 8.Mai“ eingebracht werden soll, ihren tieferen Sinn: So wie der 7.Oktober aus dem Artikel verschwunden ist, soll auch die Erinnerung an das deutsche Menschheitsverbrechen verschwinden, um nicht mehr der Kritik an „Israels genozidalen Verbrechen“ (worunter auch der Krieg mit dem Iran gezählt wird, in dem die Vernichtung Israels ebenso Staatsräson ist wie die Leugnung seines Existenzrechts) im Wege zu stehen.

Falls man mich fragt, ob ich das Gesetz für sinnvoll halte, würde ich antworten, dass es überflüssig wäre, wenn die Zahl derjenigen, die den Philipps und Nicks und anderen Schreihälsen des Tätervolks entgegentreten, nicht im marginalen Bereich läge, und dass es ebenso überflüssig wäre, wenn die Nicks und Philipps endlich kapieren würden, dass sie als nur scheinbare Antifaschisten die Rehabilitierung und Relativierung des deutschen Faschismus betreiben. Vor allem aber sehe ich die Gefahr, dass es, rückte das Land noch weiter nach rechts, als Vorbild diente für Gesetze, die alles, was – wie die stabile Parole „Nie wieder Deutschland“ – das „Existenzrecht Deutschlands“ leugne, unter Strafe stellen würden. Und das will doch niemand.

Krieg gegen Kinder oder „Von Kommunisten mit Homosexuellen und trans Ideologie indoktriniert“

Während Vorschläge für Kürzungen bei der Begleitung eingeschränkter Kinder für Begeisterung bei den Lesern der konservativen Presse sorgen, empört man sich über ein Schulprojekt im sächsischen Ort Schleife, bei dem Schüler*innen dazu angeregt werden sollten, über Mut und Queerness zu reflektieren. Da eine Broschüre aus dem Collagenmaterial „potenziell pornografisches“ Bildmaterial enthalten soll, wurde der Fall zum „Porno-Skandal“ aufgeblasen, die „Nazipostille“ (Gremliza) Junge Freiheit berichtete zuerst, Nius, Welt, Bild etc. zogen nach. Dass die meisten Bilder nicht einmal potenziell pornografisch zu sein scheinen, stört dabei kaum, zumal hervorgehoben wird, dass die Workshopleiter*innen sich auch noch gegen die AfD ausgesprochen haben sollen. Darauf forderte T. Chrupalla flugs eine Art Hausverbot von NGO’s in Schulen. Ob sich dieses Verbot auch auf die Angebote von „Lebensschützern“ bezieht, wird man sehen, was bleibt, ist der Eindruck, dass nicht nur Kindern mit Einschränkungen die Schulbegleitung gestrichen, sondern auch queeren Jugendlichen die Möglichkeit genommen werden soll, im schulischen Rahmen über Sexualität zu sprechen.

Der rechte Kulturkampf wird auch als Krieg gegen Kinder und Jugendliche geführt, wobei besonders vulnerable Gruppen ins Schussfeld geraten. Konservative und Rechtsextreme mögen noch getrennt marschieren, dass sie im Kulturkampf gemeinsam losschlagen, mag die folgende kleine Zitatcollage aus Zuschriften an die „Welt“ illustrieren:

„Grundsicherung für Kinder stark absenken. Es darf nicht möglich sein, sich allein mit Kinderproduktion hier ein arbeitsfreies, bequemes Leben machen zu können. Wir müssen sparen. Die können in ihrer Blase tun und lassen, was sie wollen. Aber bitte selbstfinanziert. Triebgesteuerte Subjekte ohne Anstand und natürliche Hemmschwellen. Die Regenbogentruppe, vor allem die mit selbsterfundenem Geschlecht, drängt Kindern ihre sexuellen Fantasien auf. Ekelhaft. Ekelhaft! Die ganze Betreuungsindustrie ist völlig ausgeufert, und wenn kein Geld mehr im Steuersäckel ist, muss auch da zurückgeschraubt werden. Solche Projekte sollen nicht gefördert werden. Hier ist linkswoker Identity-Kram auf Schüler losgelassen worden. Wie schamlos diese Linken, LGBTQ mit ihren Porno-Dragqueens nach Nachwuchs für ihre Minderheit suchen. Kein Wunder, dass die Jugendpsychiatrien überquellen. Immer mehr Alleinerziehende, immer prekäre (Rumpf-)Familien, immer mehr von Grundsicherung Abhängige – immer weniger gesunde, intakte Familien mit Eltern in stabilen Beziehungen. Andere Medien berichten, dass nicht nur pornografische Hefte, sondern auch „antifaschistisches“ Material wie „Fck AfD“ etc. dabei war, aus denen die Schüler eine Collage basteln sollten. Schule hat Kinder zu schützen und soll politisch neutral sein. Ich glaube so ähnlich ist auch schon das römische Reich untergegangen. Es ist schon erschütternd, was in Deutschland so abläuft. Da schickt man als Eltern Kinder gutgläubig in die Schule, damit sie etwas lernen. Stattdessen werden sie von Kommunisten hinter dem Rücken der Eltern mit Homosexuellen und trans Ideologie indoktriniert. Dieses System gehört zerschlagen. 1:1 Schulbegleitung? Das darf doch nicht wahr sein!“

Bitte nie wieder ein „universelles Verständnis von ‚Nie wieder‘“

Jeder hat in seinem intellektuellen Leben seine Lieblingstrottel. Man schätzt sie, weil sie es mit bestaunenswerter Zuverlässigkeit schaffen auf unangenehmste Weise zu „liefern“, um einmal dieses scheußlichste aller scheußlichen Schwallwörter zu bemühen. Und so schaffte es auch der „junge Welt“-Chefredakteur Nick Brauns am 25.2. mit seinem Kommentar „Rechte Agenda“ mich nicht nur auf sein – vorsichtig formuliert – zweifelhaftes Verständnis der Shoah aufmerksam zu machen, sondern vor allem auf eine Initiative namens „Kufiyas in Buchenwald“, die „am Ort des faschistischen Massenmordes auch Israels Massenmord an Palästinensern thematisieren“ wolle. Das wird nicht nur Nick, sondern auch andere Brauns (man verzeihe, dass ich aus Kalauergründen einen falschen Plural verwende) jubeln lassen, beklagte die AfD doch bereits 2017 eine „aktuelle Verengung der deutschen Erinnerungskultur auf die Zeit des Nationalsozialismus“ und regte eine „erweiterte Geschichtsbetrachtung“ an, bei der der eine Massenmord eben wie der andere sein könnte: Gaza und Buchenwald, alles eine Sauce, und weil der Verweis auf jenen impliziert, bei diesem Massenmord könnten die Opfer ebenfalls zuvor Täter gewesen sein, gewänne auch der alte Nazimythos, es hätten die Juden dem Reich den Krieg erklärt, neuen Support.

Aber das ist nur spekulativ und liegt vielleicht gar nicht in der Absicht Brauns, der ja nur um Verständnis werben will für „Antifaschisten“ mit einem „universellen Verständnis von ‚Nie wieder‘“. Nun ist „Antifaschist“ kein geschützter Begriff und so darf sich jeder so nennen, der‘s für angebracht oder angemessen hält, selbst wenn „Nie wieder“ heute an den Krieg in Gaza und morgen an einen herbeihalluzinierten „Völkermord an den Deutschen“ durch „Umvolkung“ oder „Überfremdung“ mahnen würde. Einmal mehr zeigt sich, dass die These von der Singularität des Holocaust nicht eine deutsche Marotte rund um den angeblichen „Schuldkult“ darstellt, sondern genau solche Relativierungen, bei denen der industrielle Massenmord zu einem Genozid unter vielen mutiert, zu verhindern hilft. Und waren es bislang die Rechten, die, kaum hatte man den Namen „Hitler“ fallen gelassen, „Stalin, Mao, Pol Pot“ zu brüllen begannen, so scheinen es nun Linke zu sein, die glauben, dass es so etwas wie Gaza unter dem Führer kaum gegeben hätte – aber auch „Linker“ ist kein geschützter Begriff, und wenn Brauns seinen Kommentar mit „Rechte Agenda“ betitelt, liegt er richtiger, als er denkt. „Deutsche Agenda“ hätte es noch besser getroffen, denn die Unterzeichnenden der Initiative „Kufiyas in Buchenwald“ („Drei Forderungen: Eine offene Thematisierung des Völkermordes in Gaza in der Gedenkstätte Buchenwald. Kein Verbot palästinensischer Symbole in der Gedenkstätte (…). Keine Haus- und Sprechverbote wegen Palästina-Solidarität oder Kritik am Apartheidstaat Israel“ ) heißen, wenn sie nicht „Anonymous“ heißen, Alexander, Marlene, Lia, Anika und was es an Kartoffelnamen sonst noch alles geben mag. Wie lange mag der Tag noch entfernt sein, an dem sie die Naziparole „Unsere Großväter waren keine Verbrecher!“ mit „Stimmt, die waren ja nie in Gaza.“ bejahen?

Sozialpuritanismus oder: Hochkindern verboten

Puritanismus, so lautet die Definition von H.L. Mencken, sei „die quälende Angst, dass irgendjemand irgendwo glücklich sein könnte“. Daran anlehnend möchte ich als „Sozialpuritanismus“ die öffentlich geschürte Befürchtung bezeichnen, es könne irgendwo Menschen geben, die zu Unrecht Sozialleistungen in Anspruch nehmen. Dass die Zahl derjenigen, die sich nicht trauen, ihnen zustehende Sozialleistungen einzufordern, weitaus größer sein könnte, spielt für den Sozialpuritanismus keine Rolle. Er wird dann besonders forciert, wenn es darum geht, wieder einmal Reste des Sozialstaates zu beseitigen, um den gesellschaftlichen Reichtum nachhaltiger von unten nach oben zu verteilen. So ließ der Arbeitsminister Wolfgang Clement (damals noch SPD) 2005 eine Broschüre mit dem Titel „Vorrang für die Anständigen“ drucken, in der gegen „faule Arbeitslose“ und andere „Parasiten“ Stimmung gemacht wurde, um die „Hartz-Reformen“ ideologisch zu unterstützen: Nicht das dreiste Einkassieren jahrelang erwirtschafteter Sozialleistungen wurde skandalisiert, sondern der angebliche „Missbrauch“ durch diejenigen, die im Verdacht stehen, dem Arbeitswahn, also der komplementären Zwangsvorstellung zum Sozialpuritanismus, nicht verfallen zu sein.

Und so verwundert es nicht, dass die von Kanzler Merz zur Steigerung der Unternehmensgewinne geplanten „Reformen“ von einer sorgsam orchestrierten Kampagne begleitet werden gegen „Lifestyle“-Teilzeit (wer nicht Vollzeit fürs Vaterland schuftet, ist ein Schuft) einerseits und andererseits gegen „Stütze-Schmarotzer“, für die exemplarisch ein in Köln lebender Bosnier stehen soll, der nach seiner Flucht eigentlich ausreisepflichtig war, aufgrund der Bleibeperspektive seiner hier geborenen Kinder aber einen Duldungsstatus gewährt bekommt. Das rief bei einem „Bild“-Redakteur einen zum Kommentar geronnenen Wutanfall hervor, in dem er nicht nur die sofortige Ausschaffung des Bosniers („Schiebt ihn direkt ab! Er verdient unsere Hilfe nicht.“ ) fordert, sondern auch die Bestrafung der zuständigen Behördenmitarbeiter („Und belangt die Verantwortlichen in den Ämtern und Behörden. Sie haben dem Staat hier nicht gedient, die sind Staatsversager.“ – offensichtlich ist in der „Bild“-Redaktion der Begriff „Dienstaufsichtsbeschwerde“ unbekannt). Nachgerade widerwärtig ist der Neologismus „hochkindern“ („Inzwischen hat er sich und seine Frau mit acht Nachkommen auf satte 7250,77 Euro Stütze pro Monat hochgekindert.“ ), da er dem Bosnier unterstellt, er habe seine Familie nur gegründet, um möglichst hohe Sozialleistungen zu kassieren. Das ist nicht nur eine Verhöhnung des im Grundgesetz verankerten Schutzes der Familie, sondern auch eine Steilvorlage für die rechtsextreme AfD, die auf ihrer Facebookseite einen KI-generierten Cartoonfilm präsentierte, in dem der Bosnier samt seiner (natürlich mit einem Hijab bekleideten) Frau und seinen Kindern gezeigt wird, wie er Chips vor dem Fernseher isst und die Deutschen auslacht. In dieser Karikatur des faulen Einwanderers offenbart der deutsche Sozialpuritanismus seine rassistische Komponente, wenn „Deutschlands frechster Arbeitsloser“ nicht Arno, sondern Huso heißt. (Und wie bei Herrn Dübel kaschiert das hasserfüllte Wüten der „Fleißigen“ gegen die „Faulen“ nur die tiefe Sehnsucht jener, dem Hamsterrad aus Plackerei und Unterwerfung zu entkommen. Irgendjemanden, der sich irgendwo diese Sehnsucht vermeintlich erfüllt, darf es nicht geben.)